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Die 15 besten Podcast-Folgen des Jahres 2015

Mein Podcatcher fängt derzeit 93 verschieden Podcasts ein. Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, ich höre euch alle! ? Nun gut, ich höre natürlich nicht jede einzelne Folge, schließlich habe ich auch noch so etwas wie ein Leben.
Erzähl mir nix!

Aber dennoch maße ich mir an, einen fast halbguten Überblick über die deutsche Podcastlandschaft zu haben, die ich dann mit ein paar amerikanischen und britischen Casts würze. Wahrscheinlich kommt jetzt gleich irgendjemand und ruft: Ich höre aber mehr! Egal, denn trotzdem kann nur ich und niemand sonst auf der ganzen Welt das machen, was jetzt folgt:

Ich präsentiere euch die 15 besten Podcastfolgen des Jahres 2015! Diese Liste wurde notariell beglaubigt und ihr könnt das natürlich anders sehen, aber dann habt ihr halt Unrecht.

Tanzen!

Also fangen wir an:

Platz 15: Rusty Reels – RR058 – 100 Jahre Film – Rückblick 1940-49

Rusty Reels ist ein Filmpodcast, der unter anderem durch die Filmgeschichte reist. Ganz ähnlich so, wie ich das hier in Schriftform mache. Gut, sie haben nicht ganz vorne angefangen, sondern sind erst mit dem Langfilm im Jahr 1914 mit Cabiria eingestiegen. Mittlerweile sind sie im Jahr 1951 bei A Streetcar Named Desire angelangt. Aber ich möchte euch eine andere Folge empfehlen. Den Jahreshöhepunkt und auch den Höhepunkt des gesamten Podcasts bisher stellte die Folge RR058 dar. Wolfgang und Stefan blicken auf die 40er-Jahre zurück, ordnen sie in einen filmhistorischen Kontext ein und wählen ihre favorisierten Filme und schauspielerischen Leistungen. Das ist alles sehr hörenswert!

Platz 14: kleinercast – Unsere Anfänge im Internet

Als Piloten des kleinercasts entschied sich das Team von KLEINERDREI, vertreten durch Anika, Anne, Lucie und Nicole auf das bewährte Konzept des Laberpodcasts zurückzugreifen. Genauer gesagt: Opa Oma erzählt vom Krieg. Die vier erzählen von ihren Anfängen in diesem Internet. Dabei kann man als Hörer/in richtig schön nostalgisch werden, wenn die vier über Erfahrungen mit AOL, Modems, Chats etc. berichten. Die komplett weibliche Perspektive ist dabei eine schöne Erfrischung im noch immer männlich dominierten Podcast-Deutschland und besonders bei einer Geschichte, die man etwa von Freaks oder Dilettanten schon allzuoft als Testosteron-Cocktail gehört hat.

Platz 13: Soziopod #039: Hetzender Hass und hässliche Hetze – Wo bleibt die Zivilisierung im Netz!?

Hass im Netz wie auf der Straße war ja leider eines der dominanten Themen des letzten Jahres. Wir. Müssen Reden widmete sich dem Thema genauso wie etwa Alternativlos, doch niemand machte das so fundiert und aufschlussreich wie Doktor Köbel und Herr Breitenbach. Die zwei wissen natürlich auch nicht DIE Antwort, aber sie regen ganz wunderbar zum Nachdenken an.

Platz 12: Hoaxilla #180 – ‚Phineas Gage‘

Phineas Gage ist ein spannender Mensch für Psychologen und Philosophen. Er überlebte eine schwere Kopfverletzung, durchlebte dadurch aber einen großen Charakterwandel. Nicht zuletzt sein Wertesystem veränderte sich durch den Unfall. Alexa und Alexander lassen den Fall in Folge 180 von Hoaxilla wieder aufleben.

Platz 11: Schöne Ecken – SE 97: Hannover, Zooviertel, hinter den Fassaden

Schöne Ecken – das sind die Jungs, die draußen rumlaufen und dabei in Mikrofone sprechen. Zwischendurch machen sie immer wieder crazy Shit, wie zum Beispiel mal wirklich nackt podcasten. Aber Anfang des Jahres 2015 gingen sie noch einen Schritt weiter: Sie klingelten bei fremden Menschen und fragten, ob sie mal reinkommen dürfen. Helge und Cornelius dabei zuzuhören, wie sie sich dazu überwinden müssen, tut schon fast körperlich weh. Es ist aber ein so spannendes Podcast-Experiment, dass es auf alle Fälle einen Platz in dieser Liste verdient hat.

Platz 10: ENOUGH TALK! #011 – WE ARE BACK… WHAT?

Hier ist es an der Zeit für ein Disclosure: Arne vom Enoughtalk war schon zweimal in diesem Podcast zu Gast (hier und hier) und ich war auch schon dort zu hören, ich könnte also an diesem Punkt dieser sonst absolut wertfreien Liste befangen sein!

Nach drei „Mainstream-Podcasts“ hier mal wieder eine wohl noch eher unbekannte Perle. Arne, René, mitlerweile auch Fabian und des Öfteren auch Gäste reden über Filme. Dabei haben sie so viel Fachwissen, dass das schon mal epische 3:38:00 Stunden dauern kann. Aber ein Heimspiel geben sie immer, wenn sie über Arnie sprechen, wie ihr Podcast-Name ja schon sagt. Das zeigen Arne und André hier, wenn sie den neuesten Terminatorfilm mehr oder weniger nacherzählen. Das ist hundert Mal lustiger und aufschlussreicher als der Film selbst!

Platz 9: 1337@kultur:~$ – Folge 53: Reiseliteratur

Zu 1337@kultur muss ich eigentlich auch nicht viel sagen, oder? maha spricht mit echten Nerds über ihr Fachwissen. Besonders hörenswert ist das immer dann, wenn er mit Gerhard Anger über Literatur spricht. Und wie die beiden in dieser Folge durch mehr als 2.400 Jahre Reiseliteraturgeschichte reisten, bereitete mir am Steuer meines Autos, das durch den Urlaub tuckerte, seeehr viel Freude!

Platz 8: WTF Podcast – Episode 638 – Sir Patrick Stewart

Gehen wir mal ganz kurz nach Amerika: Nachdem sogar Obama sich in Mike Marons Garage begeben hatte, um Gast in diesem Interview-Podcast zu sein, dachte ich mir, ich muss mir WTF auch mal anhören. Nicht jede Folge ist wirklich gut und die viele Werbung nervt gehörig. Allerdings gibt es zwischendurch immer wieder Perlen, wenn die Gäste entsprechend spannend sind. Und wer könnte spannender sein als der Captain, mein Captain? Ihr ahnt es bestimmt nicht, aber ich bin ein Trekkie. Ja, ja, so ist das und der beste Raumschiffcaptain aller Zeiten, das war Jean-Luc Picard. Der, beziehungsweise Sir Patrick Stewart ist hier zu Gast [Rechtschreibkorrektur, dank @pheraph] und ist eine verdammt coole Socke! Er spricht unter anderem darüber, wie er unter seinem Vater gelitten hat, wie er sich deshalb für Frauenrechte engagiert und wie er – nachdem er von einem Psychologen erfuhr, dass sein Vater wahrscheinlich PTSD hatte – sich jetzt zusätzlich auch noch für traumatisierte Veteranen einsetzt. Aber er spricht auch davon, dass all seine Shakespeare-Rollen ihn nur auf den Captain’s Chair vorbereitet haben ❤️. Als Ergänzung empfiehlt sich auch noch die Folge mit Sir Ian McKellen, der ja ein guter Kumpel von Stewart [s.o.] ist.

Platz 7: Wiederaufführung – WA044 Aliens

Die Wiederaufführung ist eigentlich der Fachpodcast für die richtig obskuren Filme. Kein Streifen ist zu alt oder zu gut versteckt, als dass Christian und Max sich nicht daran wagen, ihn auszubuddeln und zu sezieren. Dabei lassen die beiden zumeist den Hollywood-Mainstream links liegen. Wenn sie sich dann doch mal einen Film aus der Traumfabrik vornehmen, dann passiert so etwas wunderbares wie bei Aliens, wo dieses Meisterwerk von James Cameron durch die Experten in 1:24 Stunden gebührend gefeiert wird, ohne dass sie die fundierte Analyse vergessen.

Platz 6: KonScience – KNS029 Knusper, Knusper, CRISPR! Wer editiert meine DNA?

Holy Fuck! Schon mal was von CRISPR gehört? Nein? Hatte ich auch nicht. Und das ist definitiv ein Fehler, denn da kommt etwas ganz großes auf uns zu. CRISPR wird nicht nur die moderne Medizin umkrempeln, sondern auch enorm viele und komplexe Fragen an uns als Gesellschaft stellen, dazu was wir wie mit Gentechnik machen wollen. Deswegen solltet ihr diese Folge von KonScience hören, damit euch nicht der Angstschweiß ausbricht, wenn in ein paar Jahren Bild, BamS und Glotze wegen CRISPR Panik schüren werden. Neben anderen Themen legen Katrin und Mariëlle in über 1,5 Stunden ausführlich dar, was es damit auf sich hat. Anhören! Unbedingt!!

Honorable Mentions

Bevor wir die Top 5 betreten, will ich noch ein paar Podcasts nennen, aus denen sich nicht so gut einzelne Folgen herausheben lassen, sondern die man als ganzes oder von denen man zumindest große Teile hören muss. Serial brauche ich nicht zu verlinken, das hört ihr ja eh alle. Wenn ihr das mögt, dann hört euch unbedingt die Staffel zu den Charles-Manson-Morden aus You Must Remember This an – Dieser Real-Life-Krimi ist mindestens genauso spannend wie jener von Serial. Wenn ihr ein paar Stunden am Stück ungläubig lachen wollt, dann empfehle ich My Dad Wrote A Porno – der Name ist Programm. Und allen Trekkies empfehle ich den Voyager Rewatch Podcast, der in sieben Folgen die Serie aufarbeitet.

Platz 5: Harmontown – 167: Confirmed by a Well Respected Arborist

Zurück nach Amerika, genauer gesagt nach L. A. Harmontown wird immer sonntags live im Nerdmelt Showroom in L.A. aufgezeichnet. Dan Harmon, sein „Comptroller” Jeff Davis und Dungeon-Master Spencer empfangen wechselnde Stammgäste und Stargäste, außerdem quatschen sie vor Publikum über alles, was ihnen in den Sinn kommt. Das ganze ist maximal postprivat. So kennen langjährige Hörer die komplette Beziehungsgeschichte zwischen Dan Harmon und seiner Frau Erin McGathy, die in dieser Folge mit einer Scheidung endet. Doch wie Harmon das erzählt, trieb mir vor lachen die Tränen in die Augen, denn er hat seine Nachbarn eingeladen und sie lesen einen SMS-Wechsel vor, in dem es eigentlich um Eukalyptus-Bäume auf der Grundstücksgrenze geht – sehr, sehr witzig! Die ganze Folge ist hörenswert, aber da bei Harmontown viele Inside-Jokes drinstecken, könnt ihr im Zweifel für das Glanzstück auch bis Minute 38 skippen, dann geht es rund!

Platz 4: Fokus Europa – FE012 Der Balkan und Europa

Die Flüchtlingswelle und die daraus resultierende Krise Europas zogen sich durch 2015 und damit auch durch die Podcastlandschaft. Während aber jeder normal denkende Mensch die Flüchtlinge aus Syrien hier Willkommen heißt, war immer wieder die üble Rede von den Wirtschaftsflüchtlingen vom Balkan. In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch einmal den Erscheinungsraum von Katrin Rönicke empfehlen, der mit der Reihe Erscheinungsraum Ost in vielen Folgen Osteuropa und nicht zuletzt den Balkan als Thema hat. Aber die beste Folge zum Thema kommt von Tim Pritlove. In 1:40 Stunden spricht er mit Rüdiger Rossig nicht nur über die Geschichte der Jugoslawienkriege sondern auch darüber was für einen riesengroßen Bockmist die EU auf dem Balkan gebaut hat, warum es so viele junge Menschen da wegzieht und warum Kanada davon profitiert, dass Deutschland diese Menschen nicht haben will.

Platz 3: The Canon – 12 THE SHAWSHANK REDEMPTION

Betreten wir das Treppchen. Noch ein letztes Mal richten wir unsere Ohren nach Amerika und hören noch einen letzten Filmpodcast in dieser zugegeben sehr filmlastigen Liste. Woran das wohl liegen mag? Jede, die sich schon einmal eingehender mit Filmklassikern beschäftigt hat, fragt sich, warum The Shawshank Redemption (Die Verurteilten) in der IMDB als der beste Film aller Zeiten gelistet wird. Amy Nicholson und Devin Faraci klären endlich mal auf, wie es zu diesem „Unfall“ kommen konnte.

Platz 2: Metrolaut 25 – Kultur des Dschihad

Silber geht an Metrolaut. Auch John F. Nebel und Kalle Kornblum kamen nicht am Thema des Jahres vorbei. Wie man zum Fluchthelfer wird, hatten sie schon in der ebenfalls sehr hörenswerten Folge 24 erzählt bekommen. Aber in Folge 25 gehen sie noch einen Schritt weiter! Hier lassen sie sich von Arne Vogelgesang anhand von Propaganda aufklären, wer eigentlich dieser IS ist, von dem alle reden und was seine Anziehungskraft auf junge Dschihadisten ausmacht.

Platz 1: Mikrodilettanten – 73 | Guess who’s back?!

And the winner is: die @Mikrodilettante! Es gab 2015 eine Reihe von Podcast-Comebacks: NSFW sind wieder da und auch Der Weisheit ging in die sehr hörenswerte Staffel 2. Aber niemand machte das mit dem Comeback so gut wie der ultimative Laberpodcast von den Mikrodilettanten. Nachdem sie erst im Mai ihr Ende verkündet hatten, waren sie nach vier Monaten schon wieder zurück (um dann für weitere vier Monate nicht zu senden^^). Aber Nicholas, Phil und Gero kamen nicht irgendwie zurück: Sie überließen erst einmal Tim und Holgi von NSFW die Mirkofone für 15 Minuten, bevor sie die beiden aus dem Studio „warfen” und selbst das Ruder wieder in die Hand nahmen! Eine sehr, sehr tolle Idee. Ich hoffe derlei bekommen wir auch in 2016 wieder viel zu hören.

An dieser Stelle müsste ich euch nach euren Favoriten fragen, aber da diese Liste die absolute Wahrheit über die besten Podcastfolgen 2015 verbreitet, lasse ich das natürlich. Stattdessen könnt ihr mir ja bescheid geben, wenn ihr 2016 gute Folgen hört, dann erwäge ich die für den nächsten Rückblick. Bis dann!

SF48 – Bande de filles

avatar Paula
Überbezahlter Superstar
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Verkannter Regisseur

Vic comme victoire

Wir haben uns wie Amazonen die Brüste abgebunden und sind strahlend wie Diamanten zurück in den Pariser Banlieues. Dort fragten wir uns, wie man eigentlich aufräumt, trafen den Monopoly Guy, Kleinkriminelle, langsam erzählte Drogendealer mit blonden Perücken, eine Girlhood, Messerkämpfe, den Blick von Katniss Everdeen sowie Seth Rogens Rückenbehaarung. Dieser Podcast ist die All-Black-Badass-Version des Spätfilms. Ein Ende bereitete dem Ganzen König Leonidas, der uns einen Abhang hinunter kickte.

SF48 - Bande de Filles

SF48 – Bande de filles

Vorgeplänkel & Abschweifungen

Das CinemaSins-Video zu Episode 1 – Ja, klar “Symbiose” ♦ Daniel Radcliffe wird immer mit Elijah Wood verwechselt ♦ Der Dino-Film mit Whoopi Goldberg heißt Theodore RexNo Such Thing As A Fish ♦ Der Fußballbaum in Litauen ♦ Harmontown erklärt den Monopoly-Guy-Trope, der Freund von Dan Harmon, der Daniel nicht einfällt, ist Rob Schrab ♦ Paula würde gerne so sterben durch einen Tritt von König Leonidas, Daniel wie Vito Corleone ♦ Das Seth Rogen/James Franco Remake von Kanye Wests Bound 3 ♦ Der Podcast Schöne Ecken ♦ Paula beantwortete diese Frage

Die Eckdaten zu Bande de filles

Erscheinungsjahr: 2014
Regie: Céline Sciamma
– Filmographie:
2014
Bande de filles
2011 Tomboy
2007 Naissance des pieuvres
Budget: ca. 3 Mio €
Besetzung: Karidia Touré (Marieme), Assa Sylla (Lady), Marietou Touré (Fily), Lindsay Karamoh (Adiatou)
Genre: Drama, Coming of Age

Die Produktion von Bande de filles

Bande de filles bildet zusammen mit Naissance des pieuvres und Tomboy eine lose Coming-of-Age-Trilogie. Sciamma ist selbst in einem Banlieue aufgewachsen und war fasziniert von den schwarzen Mädchengangs, sodass sie zunächst anfing, die Charaktere zu entwerfen und erst darauf aufbauend die Story schrieb.

“I didn’t feel I was making the film about black women but with black women-it’s not the same. I’m not saying, ‘I’m going to tell you what it’s like being black in France today’; I just want to give a face to the French youth I’m looking at”

Céline Sciamma

Da sie in französischen Theatern und Schauspielschulen quasi nur weiße Schauspielerinnen fanden, fing Sciammas Team an, die Schauspielerinnen auf der Straße, in Einkaufszentren und Bahnhöfen zu casten. Vier Monate lang suchten sie nach geeigneten Schauspielerinnen.

Das Schwerste war, die Rechte, an dem Song Diamonds von Rihanna zu bekommen, da die normalen Gebühren das Budget gesprengt hätten. Sciamma drehte die Szene, ohne die Rechte zu haben und schickte sie Rihannas Management zu. Nachdem dieses die Szene gesehen hatte und mochte, machten sie Sciamma ein Angebot über Gebühren, die im Rahmen ihres Budgets lagen.

Filmisches Erzählen in Bande de filles

Der Film ist in drei Abschnitte unterteilt, die visuell so unterschieden werden, dass Marieme jeweils in einem anderen Look auftritt. Zu Beginn trägt sie lange Rastazöpfe und sportliche Klamotten. Nachdem sie in der Mädchengang angekommen ist, trägt sie lange geglättete Haare und im letzten Abschnitt Kurze Haare mit Cornrows abwechselnd mit einer blonden Perrücke bei ihrer Arbeit als Drogenkurierin.

“At the end of each, the screen cuts to black, electro music (by “Water Lilies” composer Para One) swells and the character re-emerges with an entirely new identity”

Variety

Die erste (und die zweite) Szene

Der Film setzt gleich ab der ersten Szene sein Thema: Auseinandersetzung mit weiblichen Geschlechterrollen. Wir sehen zunächst ein American-Football-Spiel mit weiblichen Spielerinnen. Die Frauen üben also einen Sport aus, der als typisch männlich gilt. Dies wird kontrastiert mit der nächsten Szene, in der die Mädchen nach dem Training laut schwatzend nach Hause laufen, doch sobald sie auf eine Gruppe von Jungs stoßen, werden sie schlagartig still.

Die Rolle der Weiblichkeit

“Céline Sciamma’s girl-gang movie is a disarming affair, a long way removed from the macho posturing of other French films set in the Banlieue, such as La Haine.”

The Independent

Das durch den Auftakt und die verschiedenen Looks von Marieme gesetzte Thema ist das Ausloten verschiedener Spielarten von Weiblichkeit. Dies wird während des ganzen Films weiter ausgearbeitet. Beispielsweise, indem die Mädchen sich prügeln und anderes Verhalten zeigen, das nicht dem weiblichen Klischee entspricht. Ferner soll Marieme nach dem Willen ihrer Mutter Putzfrau werden, also auch einen typisch weiblichen Job ausüben, aber sie verweigert sich dem. Als Marieme später für den Dealer arbeitet bindet sie sich die Brüste ab – dies könnte eine Andeutung von Transsexualität sein, verweist aber auch auf den Mythos der Amazonen. Marieme macht dies, um nicht Gefahr zu laufen, für ihren Dealer anschaffen gehen zu müssen. Sie verweigert sich also wieder einer klassisch weiblichen Rolle. Marieme entzieht sich außerdem immer weiter dem Einfluss ihres gewalttätigen großen Bruders.

Die Diamonds-Szene

“It’s a beautiful, tender, exhilarating scene, which Sciamma rightly allows to play out for the whole length of the song.”

The Guardian

In dieser Szene tanzen und singen die Mädchen Playback zu Rihannas Lied Diamonds in einem blau ausgeleuchteten Hotelzimmer. In dem Lied heißt es unter anderem:

So shine bright, tonight you and I
We’re beautiful like diamonds in the sky
Eye to eye, so alive
We’re beautiful like diamonds in the sky

Interessant an der Szene ist, dass diese Szene einen Kontrast bildet zum sonstigen Verhalten der vier Mädchen. Während es im Rest des Films immer darum geht eine möglichst harte Fassade vor allem gegenüber Männern aufzubauen, zelebrieren die vier hier quasi ihre Weiblichkeit. Interessant ist dabei, dass sie sich mit geklauten Abendkleidern auftakeln und besonders schick machen, dann aber nicht ausgehen und/oder Männer damit beeindrucken, sondern nur für sich bleiben. Wie in der ersten Szene und in der Art, wie Marieme ihre Liebesbeziehung führt, wird hier die Lebensfreude und die Freude an der eigenen Weiblichkeit als etwas sehr privates gezeigt, das vor der Gesellschaft versteckt werden muss.

Vergleich mit La Haine und Stand by Me

“While the movie has a lot to say about the general condition of being a girl, in the Paris banlieues and elsewhere, it never loses sight of the specific girl at its heart.”

New York Times

In den letzten Wochen hatten wir zwei Filme besprochen, die diesem einerseits sehr ähnlich sind und sich andererseits sehr von ihm unterscheiden. La Haine spielte wie Bande de filles in einem Pariser Banlieue und Stand by Me war ebenfalls ein Coming-of-Age-Film, bei dem eine Bande oder Clique im Vordergrund stand.

Im Unterschied zu La Haine ist Bande de filles aber viel zurückhaltender inszeniert. Während bei La Haine von der ersten Minute an klar war, was die These des Films ist, ist Bande de filles viel mehr Coming-of-Age-Film dahingehend, dass die Kamera Marieme durch ihr Leben folgt und sie beobachtet, ohne immer eine Position zu beziehen. In diesem Aspekt erinnert der Film tatsächlich eher an Linklaters Boyhood.

Die Bilder

Die Kamera ist insgesamt sehr zurückhaltend. Der Film ist langsam erzählt. Die Kamera ist eher statisch. Allerdings gibt es viele, sehr schön komponierte Shots. Shots bei denen durch Blocking, Arrangement der Requisiten und Beleuchtung wunderschöne Bilder erzeugt werden. Dies sieht man sehr gut an dieser Einstellung, die eigentlich nur eine Unterschichten-Küche, also etwas sehr tristes zeigt, das aber wunderschön eingefangen wurde:

Screenshot aus Bande de filles

Screenshot aus Bande de filles

Der weibliche Coming-of-Age-Film

“I’m trying to talk about girlhood universally, really trying to make this classic coming-of-age story, but with a very contemporary character. I wanted to get that feeling.”

Céline Sciamma

Außer Bande de filles und Stand by Me hatten wir außerdem schon Breakfast Club von John Hughes im Podcast besprochen. Schon in Breakfast Club ist ein zumindest 2/5. weiblicher Coming-of-Age-Film. Darüber hinaus hat John Hughes aber auch dezidiert weibliche CoA-Filme gemacht, wie Pretty in Pink und Sixteen Candles. Das Bild, das dort von Weiblichkeit gezeichnet wird, ist das von Prinzessinen, die ihren Traumprinz finden wollen. Eine klassische Aschenputtel-Erzählung, wie wir sie auch schon in Drei Haselnüsse für Aschenbrödel sahen, wobei letzterer Film durch eine eher starke Frau überraschte. Jedenfalls ist das Bild der Prinzessin der Standard-Trope für weibliche CoA-Geschichten in Hollywood. Alle Disney-Prinzessinen außer Frozen entsprechen ihm genauso, wie etwa die weibliche Hauptrollen in Filmen wie She’s All That oder 10 Things I Hate About You, genauso wie der französische Klassiker La Boum. Allerdings gibt es im Independent-Kino einige Gegenbeispiele wie Bend It Like Beckham oder Vi är bäst! und Spring Breakers, in denen Weiblichkeit differenzierter dargestellt wird.

Zitate & Referenzen

1955 Rebel Without a Cause – Mariemes Kampfszene verweist auf den berühmten Messerkampf im Urfilm des Genres.
Video auf Youtube
1980 La Boum – Der Spitzname Vic für Marieme verweist auf die Protagonistin im französischen CoA-Klassiker.
1998 Sex and the CityDer Guardian nennt Bande de filles eine “badass all-black version of Sex and the City”.
2006 Friday Night Lights – Das Footballspiel am Anfang zitiert laut Sciamma diese Serie.

Die Rezeption von Bande de filles

Der Film ist leider sehr gefloppt. Von den 3 Millionen Euro Produktionskosten konnte er nur 1,68 Millionen wieder einspielen. er hatte 300.000 Kinobesucher in Frankreich. Zum Vergleich: Den erfolgreichsten französischen Film Willkommen bei den Sch’tis sahen 20 Millionen Menschen und den zweiterfolgreichsten Film Ziemlich beste Freunde sahen 19 Millionen. International wurde der Film unter dem Titel Girlhood vermarktet, um ein wenig auf der Erfolgswelle von Richard Linklaters Boyhood mitzuschwimmen.

Preise & Bestenlisten

Der Film gewann auf diversen kleineren Filmfestivals Preise, zum Beispiel:

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