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15 Trends, die uns das Filmjahr 2015 brachte

Ich kam dieses Jahr fast nicht dazu, ins Kino zu gehen, daher kann ich keinen Jahresrückblick machen, in dem Sinne, dass ich euch von Filmen vorschwärmen kann. Aber ich habe euch zugehört und euch gelesen und das gab mir vielleicht das, was mein ehemaliger Linuistik-Prof eine mittlere Distanz nannte. Eine mittlere Distanz braucht man, um etwas gut untersuchen zu können. Ich glaube jedenfalls, ein paar Trends erkannt zu haben, die das Filmjahr 2015 brachte und die ich insgesamt ziemlich spannend finde, weswegen ich – obwohl ich fast nichts gesehen habe – sagen kann: 2015 war ein gutes Jahr für den Film.

Manche dieser Trends, genau wie manche der Filme, die ich erwähnen werde, schwappen noch aus 2014 mit in meine Betrachtung rein und andere werden erst 2016 kommen, schließlich halten sich größere Entwicklungen nicht an Jahresabschnitte. Aber fangen wir an, zunächst noch mit ein paar Captain-Obvious-Punkten, die ich aber erwähnen muss, damit ich die 15 vollkriege 😉 . Wir werden uns dann zu den richtig spannenden Entwicklungen am Ende dieses Listicles steigern. Beginnen wir mit einigen Come-Backs:

I'll be back

1. “Star Wars ist zurück und geht nie wieder weg”

Den Satz habe ich mir von Christian von der Second Unit ausgeliehen und er trifft vollkommen zu. Star Wars: The Force Awakens leistete alles, was es leisten musste: Es war besser als die Prequels, es bot den alten Fans genug Nostalgie, um sich wieder jung zu fühlen und eine Hand voll guter Charaktere für die neuen Fans. Ob es ein guter Film war, kann ich noch nicht beurteilen, aber darum geht es mir hier und im folgenden Artikel nicht. Wir werden in Zukunft jedes Jahr einen Star-Wars-Film bekommen und auch Netflix scheint die dazugehörenden Serien zu bringen. Und wisst ihr was? Im Augenblick habe ich da richtig Bock drauf! Mal schauen, wann bei mir die Marvelmüdigkeit in Bezug auf diese weit, weit entfernte Galaxie eintritt.

Star Wars ist zurück

2. Pixar ist zurück

Nachdem Pixar uns in den 00ern etwa mit WALL.E und Up! ein Paar echte Perlen der Filmgeschichte geschenkt hatte, spulten sie in diesem Jahrzehnt nur ihr Pflichprogramm ab. Wir bekamen drei Fortsetzungen und in dem einzigen Jahr, in dem sie mit Brave mal was neues wagten, war das ziemlich inspirationslos und sie wurden vom Mutterkonzern Disney mit Frozen schlichtweg deklassiert. Habe ich schonmal erwähnt, dass Frozen ein fucking Meisterwerk ist und ihr den Film alle sehen müsst!?! Aber mit Inside Out ist Pixar jetzt endlich wieder in der Spur. Schön!

Joy!

3. Der Western ist zurück

Anders als mit dem Gangsterfilm in den 90ern, musste Tarantino sich diesmal richtig ins Zeug legen, damit Hollywood auf seinen großen Eisenbahnraub aufspringt. Nachdem der Großmeister mit Kill Bill 2 und Inglorious Basterds uns zunächst Westernthemen in anderen Genre-Gewändern vorsetzte, wurde er mit Django Unchained und nun The Hateful Eight plakativer. Und endlich raffte Hollywood, was er da machte und lieferte letztes Jahr mit Filmen wie The Revenant, Bone Tomahawk, Slow West oder Netflix’ unsäglichen The Ridiculous 6 nach. Und auch 2016 wird sich dies, etwa mit Jane Got a Gun oder Brimstone fortsetzen.
Room for one more?

4. Die Siebziger sind zurück

Nachdem seit Jahren die 80er und 90er durchgenudelt werden, wurden 2015 gleich drei Franchises der 70er erfolgreich wieder aufgegriffen und ins 21. Jahrhundert geführt: Star Wars hatte ich schon erwähnt, Mad Max: Fury Road war in aller Munde und auch die Rocky-Fortsetzung Creed löste wohlwollende Kritiken und respektable Einspielergebnisse aus. Eine Alien-Fortsetzung ist bereits angekündigt uns es würde mich nicht wundern, wenn wir in naher Zukunft Neuverfilmungen oder Fortsetzungen von Dirty Harry, Jaws oder The Exorzist sehen werden.
Fury Road, take me home ...

5. Die Renaissance des guten Horrofilms

Doch das überraschendste „Comeback“ hatte 2015 meines Erachtens der Horrorfilm. Er war ja nie weg, aber er war ziemlich unspannend in den letzten Jahren. Von Ausnahmen abgesehen sahen wir nur Zombies (so sehr ich die mag, sie riechen langsam schon echt komisch), Found-Footage-Filme und Jump Scares. Doch dieses Jahr überschlug sich meine Filterblase vor Entzückung, weil Filme wie It Follows, The Babadook, What We Do In The Shadows, A Girl Walks Home Alone at Night und Ich seh, ich seh endlich wieder Kreativität in dieses Genre brachten. Eine sehr schöne Entwicklung.
Hello Ladies!

6. Agenten gehen immer

Kommen wir von den Come-Backs zu den Trends, die sich fortsetzten. Auch im vergangenen Jahr konnten die Studios sicher sein, dass Agentenfilme ihr Publikum finden. Egal, ob es gute Filme wie Mission: Impossible – Rogue Nation oder schlechte wie James Bond 007 – Spectre waren, die Menschen strömten in die Kinos, um Spione in Action zu sehen. Filme wie Kingsman: The Secret Service, Bridge of Spies, Spy und bedingt wohl auch Sicario konnten sich diesen anhaltenden Trend zunutze machen.
I don't gif a damn

7. Noch mehr Universen noch größer!

Dann hatten wir natürlich auch wieder jeeeeede Menge Superhelden. Marvel ließ nicht nur die Avengers und einen wirklich obskuren Superhelden über die große Leinwand tanzen, nach Agents of Shield legten sie mit Daredevil und Jessica Jones auch auf dem Serienmarkt nach. Besonders die letzten beiden Serien brachten einen angenehm frischen Wind in ein Franchise, das mich ansonsten zunehmend langweilt. Doch auch die Konkurrenz von DC legt nun nach. Nachdem einige Serien wie The Flash, Gotham und Supergirl gelauncht wurden, bekommen wir 2016 mit Batman v. Superman das Äquivalent zu den Avengers. Wie erwähnt wird auch Disney seine Galaxie im Krieg zu einem großen Universum mit Spin-Offs und Serien aufblasen. Und ich kann mir vorstellen, dass wir auch ähnliches mit dem Harry-Potter-Universum erleben werden, sofern das Spin-Off im nun anlaufenden Jahr ein Erfolg wird. Insgesamt finde ich den Trend spannend, denn er erweitert die Möglichkeiten, im Kino Geschichten zu erzählen. Ich bin vor allem gespannt, wann „erwachsene Filme“ auf den Zug aufspringen. Beipielsweise böten sich Wes Andersons Welten an, verflochten zu werden. Auch in Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“-Universum würde ich sehr gerne noch tiefer eintauchen … Mal schauen, was da noch geht.
Huiiiiiiiiii

8. Die Netflixication des Kinos

Spannend ist auch, dass genauso, wie Kinofilme nun auf den Serienmarkt und besonders auf Netflix und andere große Player im Streaming-Markt drängen, Netflix anfängt, für die große Leinwand zu produzieren. Mit Beasts of No Nation brachte das Unternehmen einen ersten Film in die Kinos. Die Kinos boykottierten ihn allerdings weitgehend, da Netflix den Film zeitgleich auch schon streamte. Aber auch Amazon legte mit Chi-Raq nach und Chef Jeff Bezos sagte kürzlich im Interview, dass er einen Oscar gewinnen will. Das ist meines Erachtens eine sehr spannende Entwicklung. Mal sehen, wo sie hinführen wird.
Whas geht ab?

9. Erfolg ist planbar

Denn spannende Entwicklungen kann das Kino trotz einiger wirklich schöner Trends in 2015 (zu denen ich gleich komme, versprochen!) wirklich gebrauchen. Im Augenblick kann sich Hollywood einfach auf alten Konzepten ausruhen und die Menschen strömen trotzdem wie blöd ins Kino. Sage und schreibe ACHT der zehn erfolgreichsten Filme des Jahres waren Fortsetzungen! Der erfolgreichste Film des Jahres, Jurassic World hatte mehr als nur durchwachsene Kritiken. Aber warum sollte Hollywood mehr in gute Drehbücher investieren, wenn Mittelmaß reicht, um unglaubliche 1,7 Milliarden zu verdienen? Auch Disney ist auf dem besten Weg, die 4 Milliarden, die sie für Star Wars ausgaben, wieder einzuspielen.
Gaaanz langsam!

10. Young Adult wird erwachsen

Jetzt lehne ich mich mal aus dem Fenster: Ich prophezeie, dass die seit Anfang der 00er-Jahre anhaltende Welle von Young-Adult-Filmen langsam verebbt. Nach Harry Potter und Twilight endeten dieses Jahr nun auch die Hunger Games mit Mockingjay – Part 2 und die Versuche, ein neues Franchise für die Zielgruppe zu launchen, waren noch nicht vom ganz großen Erfolg gekrönt, zwar hatte Maze Runner: The Scorch Trials ein ganz beachtliches Einspielergebnis, aber es löste nicht annähernd so lebhafte Diskussionen in der Kritikerlandschaft aus, wie die oben erwähnten. Im Gegenteil dazu sah man unter den Blockbustern plötzlich wieder erstaunlich erwachsene Filme: The Martian, Mad Max, Mission Impossible und sogar Fifty Shades of Grey richteten sich allesamt eher an ältere Zuschauer. Auch wenn Star Wars neue junge Protagonisten präsentierte, so zeigt die starke Präsenz der alten Garde hier in die gleiche Richtung. Ich möchte behaupten, dass vieles von The 5th Wave abhängen wird, der 2016 erscheint. Wenn dieser Young-Adult-Film einschlägt, wird das Genre weiter dominieren. Falls nicht, werden wir mehr erwachsenere Filme sehen. Natürlich ist es nie ausgeschlossen, dass noch eine Überraschung geschieht und ein Film, den wir jetzt noch gar nicht auf dem Schirm haben, das Ruder wieder herumreißen wird.
Links, zwo, drei, vier ...

11. Near-Sience-Fiction ist der neue heiße Scheiß!

Spannend fand ich, wie sich langsam aber sicher die Near-Sience-Fiction zum neuen heißen Scheiß entwickelt. Sience-Fiction-Filme sehen wir seit Jahren in hoher Zahl. Aber 2015 war dahingehend anders, dass wir nicht mehr nur fantastische oder weit entfernte Welten sahen. Plötzlich waren es Probleme, die uns in wenigen Jahren oder Jahrzehnten beschäftigen werden, die wir auf der Leinwand sehen konnten. Das fing schon 2014 mit Interstellar an: Der Klimawandel zwingt die Menschheit, sich auch nach Lebensräumen außerhalb unseres Planeten umzusehen. The Martian wurde noch einen Schritt konkreter und fragte, was passiert, wenn wir anfangen, zum Mars zu reisen. Aber vor allem gab es Filme, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigten: Ex Machina, Chappie und auf spezielle Marvel-Art auch Avengers II. Irgendwie gehört auch Tomorrowland in diesen Trend, aber der Film spielte in meiner Filterblase eine so kleine Rolle, dass ich das nicht näher bestimmen kann. Spannend ist auch, dass Interstellar, The Martian und Ex Machina zeigen, dass plötzlich Wissenschaftlichkeit und Realismus wieder eine größere Rolle spielen. Es wirkt so, als hätten wir uns nicht nur in Bezug auf CGI an den großen Phantastereien etwas sattgesehen und nun darf es ruhig wieder etwas realistischer werden.
traurig?
Was mich zum nächsten Punkt bringt:

12. Es darf ruhig ein wenig physisch werden

Ein zaghaftes Pflänzchen keimt in Hollywood und es macht mir große Hoffnung! CGI wird erwachsen. Zwar waren auch letztes Jahr wieder die Bombastschlachten das Non plus Ultra wie die beiden erfolgreichsten Filme des Jahres zeigten: Jurassic World und Avengers II. Aber schon im dritterfolgreichsten Film (Star Wars) wurde wieder echtes Dynamit eingesetzt. Auch Mockingjay II setzte nicht zu 100 Prozent auf den Greenscreen, sondern drehte in Berliner U-Bahn-Stationen und am alten Flughafen Tegel. Doch am meisten stand für diese Hoffnung Mad Max: Fury Road. Wichtig ist, dass in keinem der Filme komplett auf CGI verzichtet wurde. Aber es besteht die Hoffnung, dass wir in Zukunft eine gesunde Mischung aus Computeranimationen und praktischen Effekten zu sehen bekommen.
Brummmmm!

13. Starke Frauen

Star Wars, Mad Max und Mockingjay stehen auch für einen weiteren, äußerst erfreulichen Trend: Endlich sehen wir vermehrt starke Frauen. Rey, Furiosa und Katniss Everdeen waren die Speerspitze dieses Trends, aber auch dahinter gab es erfreuliches zu vermelden! Inside Out hatte weiblich konnotierte Protagonistinnnen, in Ex Machina wurde unter anderem auch die Objektivierung der Frau mitverhandelt, mit Jessica Jones verabschiedet sich Marvel vom Pimmelträgeruniversum, in dem Black Widow als Schlampe bezeichnet wird. Und sogar Filme, bei denen das Konzept am Ende nicht gaNZ aufging wie Terminator: Genisys und James Bond versuchten starke Frauen irgendwie miteinzubauen.
Rey!!!!

14. Der Einfluss des Computerspiels

Der Trend der langen Takes und POV-Shots läuft schon ein paar Jahre. Filme wie Children of Men, Gravity und Maniac sind in ihrer Ästhetik ganz klar vom Computerspiel beeinflusst. Aber 2015 wurde noch einmal eine Schaufel draufgepackt. Das zeigt nichts besser als die beiden One-Taker. Sei es der „gefakte“ in Form von Birdman oder der „echte“, präsentiert von Victoria. Dass Filme ohne sichtbare Schnitte funktionieren, zeigt ganz klar, dass Computerspiele unsere Sehgewohnheiten in diese Richtung verschoben haben. Und auch in der zweiten Reihe finden sich Filme, die das verdeutlichen: Saul fia folgt seinem Protagonisten wie ein Third-Person-Shooter und irgendwie gehört auch Tangerine, der komplett mit einem iPhone gefilmt wurde, in diese Kategorie, auch wenn hier nicht das Videospiel sondern eben das Smartphone unsere Sehgewohnheiten verändert hat. Oder vielleicht gehört Tangerine auch eher in die nächste Kategorie
Flieg, kleiner Birdman!

15. Everything is a Remix

Denn die Generation YouTube ist in Hollywood angekommen. The Lego Movie, Terminator, Jurassic World, Star Wars und auch ein bisschen James Bond zeigten, dass Remake und Sequel mehr und mehr verschmelzen. Wie sehr die Grenzen zwischen „echten Filmen“ und der Remixkultur von YouTube verschmelzen, zeigte nicht zuletzt der Kurzfilm Kung Fury, der ziemlich genau auf der Mitte dieser Grenze lag. Ich weiß, viele finden diesen Trend fragwürdig, aber ich finde ihn sehr spannend. Das ist die wirkliche Innovation des Jahres. Ob das eine neue Filmepoche einleiten wird oder nur eine Mode ist, muss sich noch zeigen. Aber es ist auf alle Fälle die derzeit spannendste, weil radikalste Entwicklung im Mainstream-Kino!
Die Tore öffnen sich.

Was haltet ihr von meinen Beobachtungen? Habe ich da ein Fünkchen Wahrheit gefunden oder bin ich nur ein Blinder, der von Farben redet? Hat mein nach Mustern suchendes Gehirn mich in die Irre geführt? Und welches Muster habe ich übersehen? Ich würde mich sehr freuen, mit euch darüber zu diskutieren!

1915 – The Birth of a Nation

Niemand, der oder die sich mit Filmgeschichte befasst, kommt an The Birth of a Nation von D. W. Griffith vorbei. Man kann diesen Film hassen und verdammen und sollte dies nach meinem Wertekanon auch, aber man kann ihn nicht ignorieren.

Warum ist das so?

Die Wichtigkeit und zeitgleiche Schrecklichkeit dieses Films liegt an einem eklatanten Widerspruch zwischen Form und Inhalt. Filmisch ist es ein Meisterwerk. Martin Scorsese nennt The Birth of a Nation den Moment, in dem der Film erwachsen wurde. Denn D. W. Griffith hat die Syntax des modernen Films erfunden.

Schrieb ich bei The Great Train Robbery noch, dass dieser Film nah an unseren Sehgewohnheiten ist, so handelt es sich hierbei tatsächlich um den ersten modernen Film. Nun gut: Stummfilm. Das macht ihn auf der formalen Ebene so interessant. Andererseits ist der Film nicht bloß rassistisch. Der Herr der Ringe ist rassistisch, dahingehend dass die guten Elben und ihre menschlichen Verbündeten groß, blond, hellhäutig und blauäugig sind, während die Orks und ihre menschlichen Verbündeten klein und dunkelhäutig sind. Nein, The Birth of a Nation ist nicht bloß rassistisch, er ist zudem revisionistisch, dahingehend dass er versucht die Geschichte so umzuinterpretieren, dass die ach so „arme” weiße Oberschicht der Südstaaten, es nach dem Bürgerkrieg ja so schwer hatte, da sie von den bösen Schwarzen unterdrückt wurde und nur der heldenhafte Ku Klux Klan konnte dem “faschistischen schwarzen Regime” ein Ende bereiten.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Die Handlung in etwas mehr als fünf Sätzen

Da die wenigsten von euch sich durch diesen 3-Stunden-Epos gequält haben dürften, fasse ich für euch die Handlung mal zusammen. Die erste Hälfte des Films kann man sich durchaus noch angucken, der Rassismus ist eher latent, in der zweiten Hälfte wird der Film hingegen unerträglich, da es sich um nichts anderes mehr dreht, als den Kampf der „guten“ Weißen gegen die „bösen“ Schwarzen.

Der Film beginnt mit einem Prolog, in dem beschrieben wird, dass alles Elend über Amerika kam, als die Schwarzen nach Amerika gebracht wurden. Dann folgt der Film dem Schicksal der Familien Stoneman (Nordstaaten) und Cameron (Südstaaten). Wir sehen zunächst einmal Szenen des glücklichen Familienlebens, als die Stonemans die Camerons besuchen. Doch das Glück hält nicht lange, denn nachdem wir die Idylle bewundern durften, sehen wir als nächstes die Vorbereitungen des heraufziehenden Krieges. Der Krieg wird mit Massenszenen eindrucksvoll dargestellt. Und während die Weißen einen anständigen Krieg auf dem Schlachtfeld kämpfen, machen schwarze „irregular“ Guerilla-Einheiten Raubzüge in den Städten und plündern die Camerons. Ihr kennt die Geschichte: Der Krieg endet mit dem Sieg der Nordstaaten, doch bald darauf wird Lincoln ermordet.

Der zweite Teil des Films beginnt damit, dass nach Lincolns Tod „die Radikalen“ an die Macht kommen, besonders in Person des Senators Stoneman, die den Schwarzen doch tatsächlich mehr Rechte, unter anderem das Recht zu wählen einräumen. Wir sehen diverse Episoden, die uns klar machen sollen, dass böse Schwarze böse sind und parallel dazu sehen wir eine Liebesgeschichte zwischen Elsie Stoneman und Ben Cameron. Die schwarze Bevölkerung reißt die Macht an sich, indem sie – natürlich – die Wahlen manipuliert und so die Mehrheit im Parlament von South Carolina erlangt. Selbstverständlich füllen sie auch die Richterposten und Jurys mit ihresgleichen.

Wie sehen Szenen, die uns verdeutlichen sollen, dass die Schwarzen ihre Macht missbrauchen, sie benehmen sich unanständig im Parlament, trinken dort Alkohol und legen die Füße auf den Tisch. Und dann erlassen sie das schlimmste Gesetz, das sich ein alter weißer Mann nur vorstellen kann: Sie legalisieren die Ehe zwischen Schwarzen und Weißen!!! Das ist zuviel für den ach so tapferen Ku Klux Klan und er beginnt Selbstjustiz zu üben. Elsie kriegt mit, dass Ben teil dieser Bande ist und macht mit ihm Schluss. Eines Tages geht der jüngste Spross der Camerons, Flora, unschuldig, wie sie ist, zur Quelle mitten im Wald. Unterwegs trifft sie den schwarzen Captain Gus, der natürlich nichts anderes im Sinn hat, als sie an Ort und Stelle „zu heiraten“, sie rennt davon und wird vom lüstern-heiratswilligen Gus verfolgt, sodass sie sich am Ende in ihrer Not von einem Berg stürzt. Das muss der KKK natürlich rächen, das müssen wir schon einsehen.

Doch die Verstrickungen zwischen den Camerons und dem KKK fliegen auf und das Familienoberhaupt der Camerons wird verhaftet. Aber die tapfere (schwarze) Nanny und in anderer (ehemaliger) Haussklave können ihn befreien und die Camerons fliehen aus der Stadt. In der Zwischenzeit will der schwarze Governor Lynch, der Protegé von Senator Stoneman die gute Elsie heiraten, das geht dem Senator dann doch zu weit und während er begreift, zu was seine eigene „Radikalität“ geführt hat, bricht die Hölle los, die Schwarzen drehen voll am Rad und versuchen an allen Fronten den Weißen schlimme Dinge anzutun. Doch natürlich kommt in letzter Minute der heldenhafte KKK und setzt dem ganzen Spuk ein Ende. So können dann doch Ben und Elsie heiraten und bei den nächsten Wahlen verhindert der KKK, dass die Schwarzen zur Urne gehen, damit wieder ein weißes Parlament regiert, wie sich das gehört.

Filmische Innovationen in The Birth of a Nation

Viele der Techniken, die D. W. Griffith einsetzt, hatte er nicht erfunden. Ich hatte sie schon in den 20 älteren Filmen gesehen. Aber während in The Great Train Robbery mal eine Parallelmontage vorkommt, oder in L’Inferno mal ein Kameraschwenk, kombiniert Griffith alle ihm zur Verfügung stehenden Techniken meisterlich, packt noch zwei Hand voll eigenen Innovationen obendrauf und schafft so etwas genuin neues. Gerade der Vergleich mit L’Inferno drängt sich auf, da The Birth of a Nation mit 3 Stunden und 13 Minuten der zweite Langfilm nach L’Inferno ist, den ich hier sehe. Aber während die Erzählstruktur von L’Inferno ein bloßes „Und dann, und dann, und dann, und dann …“ ist, das nach einiger Zeit äußerst ermüdend ist, erzählt Griffith seine Geschichte mit “Wenn das und das, dann dies und jenes, weil das und das oder dies hier …”

Da ist zum Beispiel die großartige Szene von Lincolns Ermordung, in der Griffith mit einem Close-Up auf die Pistole des Attentäters dessen Intention mit einem Bild klar macht. In älteren Filmen hätte diese Szene holperiger und hastiger gewirkt, hier ist das Timing perfekt.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Neben dem Close-Up sind mir folgende erzählerischen Mittel aufgefallen: Erstmals sehen wir von unten nach oben scrollende Credits, zwar noch am Anfang und nicht am Ende, dennoch hat sich diese Darstellung bis heute gehalten. Der Film nutzt die Parallelmontage geradezu exzessiv, beispielsweise in der Szene, in der Flora stirbt, wird immer wieder zwischen ihr, dem sie verfolgenden Gus und dem vergeblich zur Rettung eilenden Ben hin und hergeschnitten, was die Spannung enorm steigert. Überhaupt wird innerhalb von Szenen viel geschnitten. In älteren Filmen wurde der Schnitt oft nur eingesetzt, um Szenen zu wechseln. Durch die lange Spielzeit, kann sich The Birth of a Nation jetzt auch „unwichtige Shots“ leisten. Nicht jede Einstellung muss die Handlung vorantreiben.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

So bekommen wir am Anfang Hundebabys als ein Bild des harmonischen Familienlebens gezeigt. Griffith geht weiterhin äußerst kreativ mit den Texttafeln um. Wir sehen etwa die uns schon bekannten Briefe mit einem Daumen am Rand, wodurch sie sich in Proto-Point-of-View-Shots verwandeln. Ferner benutzt Griffith nun auch Zeitungen als Texttafeln, ein Bild, das sich noch heute, also lange nach der Stummfilm-Ära gehalten hat.

Am aufregendsten wird der Film in den Schlachtszenen. Verglichen mit Ben Hur zum Beispiel ist das Blocking der Statisten viel ausgereifter. Während bei Ben Hur alles immer so aussah, als liefen 20 Statisten durchs Bild (Was ja auch der Fall war), sehen wir hier echte Massenszenen. Das liegt natürlich zum Teil daran, dass TBOAN viel mehr Statisten zur Verfügung stehen, aber es liegt eben auch am geschickten Arrangement. Griffith lässt seine Horden zumeist eben nicht von links nach rechts durchs Bild laufen. Stattdessen ist die Kamera so positioniert, dass die Massen auf uns zukommen und so das Bild viel besser füllen können.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

In den Schlachtszenen sehen wir auch erste Proto-Luftaufnahmen, für die Griffith extra einen Turm bauen ließ, von dem aus er die Massen auch dirigierte. Zudem sehen wir hier und im Showdown die ersten Kamerafahrten der Kinogeschichte. Und wo ich schon bei den ersten Malen bin: Auch die Nachtaufnahme geht auf Griffiths Kosten. Er hatte zu diesem Zweck das Set mit Magnesiumfackeln beleuchtet.

Weiterhin ist das Schauspiel stark verbessert. Bisher war das Schauspiel entweder zweckmäßig gewesen: Ein Protagonist macht a, dann b, dann c, meist aus der Totalen gesehen oder es war ein enormes Overacting an den Tag gelegt worden (Wie bei A Trap for Santa Claus), auch zumeist, um in der Totalen überhaupt noch etwas erkennen zu können. Hier wird dezenter gespielt und dennoch oft mit nur einem Blick alles gesagt. Dabei kann man ohne Zweifel sagen, dass Griffith der eigentliche Erfinder des Spielberg-Face ist. Eines Moments, in dem die Zeit still steht und der Protagonist auf etwas außerhalb des Bildaussschnitts guckt und uns sein Gesichtsausdruck unmissverständlich klar macht, was wir zu fühlen haben.

Weiterhin hat Griffith die große Sterbeszene vielleicht nicht erfunden, schließlich gab es sie im Theater schon seit 2000 Jahren, aber er setzt sie dramatisch kalkuliert ein, wie ich es in meiner Reise durch die Filmgeschichte noch nicht gesehen habe. So treffen sich zwei Söhne der Camerons und Stonemans, die sich zu Friedenszeiten immer geneckt haben, auf dem Schlachtfeld wieder, um einen letzten dramatischen Moment zu teilen. Und auch Flora bekommt ihren dramatischen Abschied. Sie sürzt zwar 20-30 Meter in die Tiefe und poltert dabei über Felsen, aber statt Muß zu sein, darf sie effektvoll in den Armen ihres Bruders sterben.

Dann gibt es Fokuswechsel innerhalb von Einstellungen. Es sind zwar noch keine echten Fokuswechsel, da die damaligen Kameras noch eine so große Tiefenschärfe hatten, dass dies weder nötig noch möglich war, aber wir sehen zum Beispiel zu Beginn eine Szene von baumwollflückenden Sklaven, dann treten die Sklavenhalter in den Vordergrund und machen halt ihr Sklavenhalterzeug, schließlich verlassen sie den Bildausschnitt wieder und unsere Aufmerksamkeit richtet sich wieder auf die Baumwollflücker.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Den Nachteil, noch nicht mit Focus-Verlagerung arbeiten zu können, gleicht Griffith übrigens dadurch aus, dass er Bildausschnitte schwarz maskiert, um so unsere Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was gerade wichtig ist (Siehe den Close-Up der Pistole oben). Auch setzt Griffith Schwarzblenden und Kreisblenden ein, um dem ausklingenden Bild mehr Bedeutung zu verleihen.

Griffith lässt es sich auch nicht nehmen, mit der lange etablierten Doppelbelichtung zu arbeiten, aber nicht, um damit Méliès-Tricks aufzuführen. Stattdessen setzt er diese viel erwachsener ein. Wie schon bei Rescued from an Eagle’s Nest sehen wir die Steilwandszene beim Tod von Flora mittels Shot-Reverse-Shot von oben und unten.

Wenn ich ein einziges Haar in der inszenatorischen Suppe finden wollte, dann dass Griffith Kameraschwenks äußerst sparsam einsetzt. Darin fällt er tatsächlich hinter den State of the Art zurück, schließlich hatten wir in Kid Auto Races at Venice bereits einen 180°-Schwenk gesehen, hier ist die Kamera zumeist statisch.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Einen ganzen Wookie finden wir hingegen in unserer Suppe, wenn wir uns nun noch einmal dem Inhalt zuwenden. Das ist zunächst natürlich der Vorwurf der Geschichtsverfälschung. Dieser kam schon nach der Uraufführung auf, weswegen Griffith zu Beginn des Films eine Texttafel mit einer Rechtfertigung einfügte, in der er sich – wie es Rassisten immer bei Kritik tun – gegen Zensur wehrt, behauptet, nur unbequeme Wahrheiten zu zeigen und sich mit der Bibel und Shakespeare vergleicht.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Screenshot aus The Birth of a Nation. Lizenz: gemeinfrei.

Um sich weiter zu rechtfertigen, fügte er an diversen Stellen Texttafeln mit dem Hinweis ein, dass es sich um historisch korrekte Szenen handelt und gab sogar Quellenangaben. Allerdings weiß etwa die Wikipedia zu berichten, dass sein vermeintliches Faksimile des unwürdigen Verhaltens schwarzer Abgeordneter kein Geschichtswerk sondern rassistische Karikaturen als Quelle hatte.

Möglicherweise gab es sogar während der Reconstruction nach dem Bürgerkrieg einen gewissen Back-Lash gegen die weiße Oberschicht, aber selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte, so kann Griffith sich nicht darauf herausreden, da seine Darstellung nur schwarz-weiß ist (Tschuldigung). So wird die Vorkriegssituation idyllisch dargestellt, die Sklaven sind glücklich und tanzen für die Stonemans, die zu Besuch sind, später bejubeln sie die Südstaatentruppen, als sie in den Krieg ziehen. Nach dem Krieg sind alle Schwarzen (außer den beiden treuen Haussklaven) abgrundtief verdorben, sie sind Unterdrücker und fügen den Weißen Unrecht zu, wo sie nur können.

Ferner werden weiße Menschen fast asuschließlich groß und in aufrechter Haltung dargestellt, während die Schwarzen gebeugt gehen. Diese rassistische Ästhetik wird sogar auf den „bösen” weißen Senator Stoneman übertragen, der ein Toupet trägt, das er öfter mal lüftet um sich die Glatze zu kratzen und der zudem ein kürzeres Bein hat, daher so einen orthopädischen Schuh trägt und humpelt. Er wird auch konsequent „radikal“ genannt, da er dafür eintritt, dass Schwarze mehr Rechte bekommen. Auch Menschen, die nicht verstehen, warum Blackfacing problematisch ist, sollten mal einen Blick auf diesen Film werfen. Denn zwar werden besonders als Statisten oft Afroamerikaner eingesetzt, aber besonders in den zentralen Rollen sehen wir weiße Schauspieler, die schwarz geschminkt wurden. Wenn diese dann Schwarze als Untermenschen mimen, zeigt sich darin eine doppelte Demütigung für die schwarze Bevölkerung.

Aber die Höhe der Geschmacklosigkeit, die schon wieder geradezu albern ist, ist die permanent an den Tag gelegte Angst, dass der Schwarze ™ die weiße Frau stehlen könnte. Hier zeigt sich neben dem Rassismus auch noch ein massiver Sexismus, denn die weiße Frau kann sich natürlich nicht gegen den Heiratswunsch der schwarzen Sexmonster wehren. Um dieses Motiv zu verstärken, sind die niederträchtigsten Wesen in diesem Film „Mulatten“, also Mischlingskinder, so zum Beispiel Governor Lynch. Griffith zeigt dies quasi als Warnung: Seht her, das kommt dabei raus, wenn Weiß und Schwarz sich mischen. Dass diese Mulatten sehr oft die Nachkommen von weißen Vergewaltigern waren, zeigt einen Widerspruch in Griffiths Weltbild, der ihm selbst gar nicht aufzufallen scheint.

Haben Filme eine moralische Verantwortung?

Was machen wir nun mit diesem Film? Ihn ignorieren, totschweigen und verbieten wie „Mein Kampf“, oder uns mit ihm auseinandersetzen? Ihr seht an diesem Artikel, welchen Weg ich gewählt habe. Und ich finde, ich habe davon durchaus profitiert und hoffe euch mit meiner Aufarbeitung ebenso davon profitieren zu lassen. Denn der Film war einfach zu einflussreich, als dass wir ihn unter den Tisch fallen lassen könnten. Denn im Gegensatz zu „Mein Kampf“ ist er eben ein großes Kunstwerk. Er zeigt seinen garstigen Inhalt in einer wunderschönen Form. Er löste The Great Train Robbery als erfolgreichster Film ab und hielt die Pole bis Gone with the Wind kam. An Gone with the Wind sehen wir auch den enormen Einfluss von TBOAN. Letzterer hat nicht „bloß“ die Filmsprache revolutioniert, die erste Hälfte diente auch als Blaupause für die erste Hälfte von GWTW.

Die Zahl der Filme, die The Birth of a Nation zitieren und referenzieren ist Legion, neben Gone with the Wind erscheint wichtig zu erzählen, dass der berühmte Einsatz von Wagners Ritt der Walküre in Apocalypse Now eine Referenz (und mit Blick auf die Szene ein kritischer Kommentar) an den Original-Soundtrack von TBOAN ist, der mit dem Stück den einreitenden KKK unterlegt.

Auch Spike Lees Black-Power-Biopic Malcom X zitiert die KKK-Szene und arbeitet sie so kritisch auf. Last not least finden wir in jedem zweiten Kriegsfilm Referenzen an die stilprägenden Schalchtszenen.

Mein Fazit? Ein Film, der so sehens- wie verachtenswert ist.