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Die 17 besten Podcastfolgen des Jahres 2017 #Podcastliebe

Ich schulde euch noch eine Liste mit ganz viel #Podcastliebe! Schon 2015 und 2016 habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die besten Folgen des Jahres zu küren. Auch dieses Jahr habe ich aus meinen 133 Abos (mitlerweile sind es 139) 17 Podperlen ausgesucht. Bereits vor zwei Wochen ernannte ich hier übrigens die 17 besten Filmpodcasts 2017. Denn:

In den vergangenen beiden Jahren war die Liste der besten Podcasts aus irgendeinem mir nicht ersichtlichen Grund immer sehr Filmpodcastlastig. Daher habe ich das dieses Jahr getrennt: Filmpodcasts und der ganze Rest. Beginnen möchte ich heute mit den lieben Menschen die über gute (oder weniger gute) Filme sprechen.

Doch nun will ich nicht länger rumtrödeln. Hier kommen die 17 besten Podcast-Folgen des Jahres 2017:

Klatschen

Platz 17 – Troja Alert: TRO035 – Trojanischer Krieg 3 – Achill the Avenger im Dialog

Beginnen möchte ich die Liste mit einer Trilogie der Comebacks. Und den Anfang macht der Troja Alert. Im April stellte hier Stefan Daniel endlich wieder die Frage, die wir alle hören wollen: Worum geht’s wirklich? Es ging weiter um den trojanischen Krieg. Leider endete das Comeback auch mit dieser einen Folge wieder. Ich freue mich schon auf die diesjährige Folge Troja Alert. 😉

Platz 16 – Wir. Müssen Reden: WMR110 – Troll oder Nazi?

Das zweite Comeback legte der Podcast hin, den ich am längsten höre. Comeback? Wir. Müssen Reden war eigentlich nie weg. Und doch brauchten Max und Michi ein bisschen, bis sie sich nach Max’ Umzug in die USA und seiner Vaterschaft wieder richtig eingegroovt hatten. 2017 war das Jahr, in dem sie das schafften. Regelmäßig versorgten sie uns mit ihrer gewohnt spannenden und Gedanken-anregenden Sicht auf die Welt. Meistens ging es dabei um ein Thema, das uns alle dieses Jahr umgetrieben hat: Trump. Und WMR110 möchte ich stellvertretend auswählen, als ein sehr hörenswertes Gespräch.

Trump

Platz 15 – Leitmotiv 033: Über eine neue Diskussionskultur, Hamburg und London, Salz im Kaffee und Gedichte – mit Kübra Gümüşay

Auf Platz 15 liefert Leitmotiv das dritte Comeback. Ich wusste gar nicht, wie sehr ich Caspars großes Talent, Interviews zu führen, vermisst hatte, bis er im September wieder da war. Die Gesprächspartnerin war in den klassischen 90 Minuten Kübra Gümüşay und es ging wie üblich einmal um alles. Daher hätte der Cast ruhig doppelt so lange dauern können. Schön!

Platz 14 – Aufwachen!: A!200 – Guten Morgen, Sigmund

Nach drei Comebacks nun zu einem Jubiläum. Tilo und Stefan gucken normalerweise Nachrichten und sprechen dann sowohl über Politik als auch über die Medien, in denen diese präsentiert wird. Ich muss gestehen, ich ärgere mich oft über die starken Meinungen der beiden. Allerdings ist mein Ärger immer auf hohem Niveau, was ich als sehr willkommene Herausforderung meines Weltbildes ansehe. Manchmal sprechen Stefan und Tilo auch nicht über Journalisten sondern mit ihnen und dann wird es oft besonders spannend. So in im Mai, als sie einen ihrer Lieblingsfeinde, den ehemaligen BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb eingeladen hatten.

Nudging

Platz 13 – Sascha Lobo – Der SPIEGEL ONLINE Debatten-Podcast: Nudging: Du willst es doch auch. Oder?

Bleiben wir noch etwas bei Medienreflektion: Nach dem Erfolg vom großartigen The Daily der New York Times versuchen auch die deutschen Medienhäuser in die iTunes-Podcast-Charts vorzudringen. Das ist mal mehr mal weniger gut. Meist interessiert es mich nicht. Aber als Sascha Lobo zum Mikrofon griff, wurde ich aufmerksam. Ich mag Lobo ungemein, weil er stets unglaublich intelligent reflektierte Beiträge abgibt. Zudem ist das Konzept dieses Casts noch etwas ganz besonderes. “Never read the comments” gehört zum Allgemeinwissen im Internet. Aber Sascha macht genau das. Er liest die Kommentare zu seinen Kolumnen und geht auf die Gegenargumente ein. So auch im Oktober, als Richard Thaler den Wirtschafts-Nobelpreis für das Konzept des Nudgings bekam.

Platz 12 – Anerzählt: Sure 4:75

Jetzt komme ich zu einem Block von fünf Podcast-Folgen, die etwas machen, was ich an diesem Medium besonders liebe. Sie legen dir ein ganz spezielles Thema dar, von dem du vorher vielleicht noch gar nicht wusstest, dass es dich interessiert. Das machen sie aber so spannend, dass du beim Einkaufen den Schritt verlangsamst, beim Wäschesortieren eine Pause einlegst oder die Bahnhaltestelle verpasst. Dies ist die Spezialität des Anerzählers – an jedem einzelnen Tag rund um eine andere Zahl. Im Juli, in Folge 475 hat Dirk aber sein Meisterstück hingelegt, als er in unter 10 Minuten anhand der Sure 4:75 mehr Infos zum Thema Islam und Terrorismus lieferte als so manche Tageszeitung das in zehn Jahren geschafft hat.

Picasso

Platz 11 – Das E&U-Gespräch: Folge 033 – „Der nackte Affe“ & „Aboutness“ der modernen Kunst

Was macht ein Ding zu einem Kunstwerk? Das ist für mich eine der spannendsten philosophischen Fragen, die es gibt. Hier im Spätfilm komme ich darauf immer wieder zurück. Zum Beispiel (shameless Self Plug) als ich mit Arne über David Lynchs Eraserhead sprach. Einen ganz großartigen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage lieferten Benjamin und Markus im Februar, als sie in einer Folge einen Bogen spannten von malenden Tieren über die Frage, was den Mensch zum Menschen macht, bis hin jener, wodurch etwas zum Kunstwerk wird. Entschuldigt den Wortwitz: Aber das ist große Kunst!
Betreten wir die Top 10!

Platz 10 – Zeitsprung: ZS89: Seelenkonskription – die Anfänge der modernen Volkszählungen

Und jetzt wird es wunderbar nerdig. Habt ihr euch schon einmal Gedanken gemacht, woher die Hausnummern kommen? Ich auch nicht.
¯\_(ツ)_/¯
Aber die Historiker Daniel und Richard haben das im Juni gemacht. Und damit haben sie etwas geschafft, wofür ich Podcasts ebenfalls liebe: Ich kannte nach dem Hören einen Fakt ganz genau, über dessen Existenz ich mir zuvor nicht einmal bewusst war.

Malcom X

Platz 9 – Americana für Euch: Black Panther Party, MLK Jr., and Malcolm X

Platz 9 wiederum ist das genaue Gegenteil: Über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung habe ich meine Abiturprüfung in Englisch geschrieben. Auch wenn diese Prüfung schon ein paar Jahre zurückliegt, dachte ich, dass ich mich in dem Thema gut auskenne. Doch Travis brachte mir in weniger als 84 Minuten mehr dazu bei, als es die Schule je konnte.

Platz 8 – Forschergeist: FG050 Duft und Riechen

Dieser Block über besonderes Wissen wird abgeschlossen durch eine ganz besondere Folge. Im November hatte Tim den Biologen und Mediziner Hanns Hatt zu Gast. Es war eine Episode, die ich in meiner Playlist immer weiter nach unten schob. Riechen? Was soll es da so spannendes zu berichten geben, dass man dafür über 2:40 Stunden braucht? Oh Boy, hatte ich mich geirrt!

Destroy

Platz 7 –  Soziopod #050: Gewalt Reloaded – Day after hell

Von den tollen Themen kommen wir nun zu weniger tollen. Im Juli saß ich an der sonnigen Atlantikküste, genoss portugiesischen Rotwein und wunderte mich über das absurde Theater, dass durch meine Twitter-Timeline tickerte: G20. Herr Breitenbach und Doktor Köbel nahmen die Eskalation rund um die Konferenz zum Anlass, das Thema ‘Gewalt’ noch einmal aufzugreifen. Heraus kam einer der reflektiertesten Beiträge in jenen Tagen, als die Gemüter überkochten.

Platz 6 – Logbuch:Netzpolitik: LNP225 Dringende Bitte

So ziemlich das genaue Gegenteil machten Linus und Tim im Juli zum gleichen Thema: G20. Doch es war nicht weniger großartig! Statt mit großer Distanz auf die Geschehnisse in Hamburg zu blicken, luden sie John F. Nebel von Metrolaut ein, der live und in Farbe vor Ort gewesen war und mit viel Demonstrationserfahrung vor allem darüber sprach, wie episch die Hamburger Polizeistrategie gefailt ist.

Riot

Platz 5 – Jung & Naiv: #343 – Das Team des afghanischen Präsidenten

Live und vor Ort in Farbe war auch das Motto von Tilo und Tyler, als sie im Dezember nach Afghanistan fuhren. Afghanistan! Ein Land, in dem seit nunmehr 16 Jahren die Bundeswehr im Einsatz ist. 2001 hatte ich gerade mein Politikwissenschaftsstudium angefangen und der Krieg am Hindukusch war damals eines der zentralen Themen. Spätestens als sich herausstellte, dass die Regierung Karzai auch wieder mehr Interesse am eigenen Machterhalt hatte als am Wohl des Landes, gab ich jede Hoffnung auf, dass Afghanistan zu meinen Lebzeiten noch einmal Frieden sehen wird. Einen klitzekleinen Funken dieser Hoffnung erhielt ich zurück, als ich diese Podcastfolge hörte. Natürlich ist alles mit großer Vorsicht zu genießen, denn auch Karzai trat damals mit großen Versprechungen an. Und dennoch, was das Team von Präsident Ghani hier erzählt, klingt wirklich nach dem Versuch, es endlich einmal besser zu machen.

Platz 4 – piqd podcast: Schaffen wir das?

Das fragten wir uns im September, als Bundestagswahl war. Und das fragte Katrin vor allem Wissenschaftler/innen in ihrem extrem gut recherchierten Stück Journalismus zu Flucht und Migration nach Deutschland. Unaufgeregtheit und Sorgfalt traten hier an die Stelle des monothematisch überhitzten Populismus-Rennens im Wahlkampf. Von Grenzen und Abschiebung über Kriminalität und Familiennachzug bis hin zu Finanzen wurde  das Thema exzellent angegangen!

Machen wir vor der Siegerehrung noch einen kleinen Abstecher …

Drive

Honorable Mentions: Filmpodcasts

Ich habe es oben schon erwähnt: Damit diese Liste nicht nur von Filmbesprechungen handelt, habe ich dazu eine eigene erstellt. Bevor wir nun das Treppchen betreten, möchte ich euch dennoch die drei besten Filmpodcastfolgen des Jahres kurz vorstellen: Da ist zunächst auf Platz 3 die CineCouch, die mit ihrer Folge zu Drive gezeigt hat, wie eine tolle Filmbesprechung aussieht! Auf Platz 2 landeten die Cinematic Smash Bros., die in einer Liveshow fast alles versammelten, was im deutschen Film-Twitter Rang und Namen hat, um die Frage zu klären, wer am schönsten über Filme spricht. Und die für mich beste Filmpodcast-Folge kam 2017 von der Wiederaufführung, als sie sich mit dem düstersten Stück deutscher Filmgeschichte auseinandersetze: Hitlers Hollywood.
Doch nun kommen wir endlich zum Treppchen! Bronze geht an …

Platz 3 – kleinercast – Der braune Regenbogen der AfD – Im Gespräch mit Jan Schnorrenberg

Als Alice Weidel zur Spitzenkandidatin der AfD wurde, fragten wir uns alle: Homosexualität und der rechtsradikale 50er-Jahre-Muff der AfD? DAFUQ?! Das nahm Anne zum Anlass, um mit Kulturwissenschaftler Jan Schnorrenberg zu sprechen, der sich ausgiebig mit dem Thema auseinandergesetzt hat. So entstanden sehr aufschlussreiche 70 Minuten zu einem sehr merkwürdigen Gemenge.

Passive Agressive

Die silberne Medaille bekommt …

Platz 2 – CRE Technik Kultur Gesellschaft: CRE215 Kurdistan

Während ich diese Buchstaben in die Tastatur tippe, fallen türkische Bomben auf Kurdistan. Was kümmert’s mich? Kurdistan, das klingt immer sehr weit weg. Doch im Oktober erklärte Enno Lenze Tim und uns, dass diese Region nur etwa zwei Flugstunden entfernt ist. Gut, das hätte ich auch googeln können. Mein Unwissen ist also selbst verschuldet. Doch die vielen Details, die Tim mit seinem einmaligen Talent für die richtigen Fragen aus Enno herauskitzelte, das Wissen über Land und Leute zwischen Türkei, Irak und Syrien gehen weit über googelbare Infos hinaus.

And the Winner is …

Platz 1 – Alternativlos, Folge 40

So unaffällig der Titel dieser Folge ist, so spektakulär ist der Inhalt. Denn im Frühling sprach ganz Deutschland über den damals neuen Staatssekretär für Stadtentwicklung in Berlin: Andrej Holm. Holm musste wegen seiner Stasi-Vergangenheit seinen Posten nach kurzer Zeit wieder räumen und verlor darüber hinaus beinahe noch seinen Job an der Humboldt Uni. Während also das ganze Land über Andrej Holm sprach, sprachen Frank und Fefe mit ihm. Dabei wurde eines klar: Holms Rücktritt ist ein Verlust. Denn seine wissenschaftliche Expertise in Bezug auf Stadtentwicklung ist wirklich großartig. Genauso großartig sind die 2,5 Stunden Podcast, die aus diesem Gespräch rausfielen!

Metropolis

Das waren sie, die 17 besten Folgen des Jahres! Hier gibt es das ganze als Feed mitsamt der erwähnten Bonusepisoden. Und auch wenn diese Liste die Wahrheit™ ist, bin ich sehr gespannt, ob ihr in den Kommentaren noch andere Empfehlungen für mich habt!

SF70 – Rebecca

avatar Paula
Schwarzer Pudel
Amazon Wishlist Icon
avatar Daniel
Zweite Mrs. de Hesse

Back to the strange days of my life

In dieser Folge kämpft der Spätfilm gegen eine Ente so groß wie ein Pferd. Wir blicken zurück auf Manderley und sehen trashige griechische Götter, in der Definition von Gothic finden wir das „O“ von David O. Selznick und nach einer kurzen Pause auch ganz viel Orson Welles im Hollywood-Debüt von Hitchcock. Wir hoffen, eine Lesbe unter dem Hay’s Code traumatisiert euch nicht und ihr seid nicht „shocked and disappointed beyond words“, wenn wir über die Bedeutung von schwarzen Pudeln abschweifen und in diesem twisted Aschenputtel eine perfekte Treppenszene entdecken. Gehen wir in Medias Res!

Vorgeplänkel und Abschweifungen

Das Fenster zum Hof führt tatsächlich unsere Charts an ♦ Die Enough-Talk-Folge zu The Thing  ♦ Die Her-Folge in der Second Unit ♦ Die Her-Folge im Enough Talk! ♦ No Such Thing As A Fish über Roger Rabbit ♦ Harmontown über Pferde und Enten ♦ Metzlers Literaturlexikon* ♦ Das Blog von Frau Novemberregen

Die Eckdaten von Rebecca

Erscheinungsjahr: 1940
Regie: Alfred Hitchcock
Produzent: David O. Selznick
– Filmographie (Auswahl):
1933 King Kong
1939 Gone with the Wind
1940 Rebecca
1945 Spellbound
1947 The Paradine Case
1949 The Third Man
Budget: 1,3 Mio $
Besetzung: Joan Fontaine (Die zweite Mrs. de Winter), Laurence Olivier (Maximilian de Winter), Judith Anderson (Mrs. Danvers), George Sanders (Jack Favell)
Genre: Thriller, Drama, Mystery, Haunted House, Haunting Gothic Romance

Die Produktion von Rebecca

Hitch und Selznick

Rebecca ist die Geschichte zweier großer Egos, die aufeinanderprallten: Alfred Hitchcock und David O. Selznick. Diese beiden Titanen des Filmgeschäfts rangen vom ersten Moment miteinander, wessen Film Rebecca ist. Ist es ein weiterer Geniestreich des jungen Talents aus England oder der nächste große Wurf vom berühmten Hollywoodproduzent von Gone with the Wind. Es war ein Ringkampf, der erst am Abend der Oscarverleihung entschieden werden sollte. Denn aus diesem Machtkampf entstand entgegen aller Wahrscheinlichkeit ein großer Film. Rebecca war für 11 Oscars nominiert. Darunter der Oscar für die beste Regie (den Hitch bekommen sollte) und den für den besten Film (der an Selznick gehen würde). Lehnt euch zurück liebe Zuhörer und Zuhörerinnen und seit gespannt, wenn wir euch in den nächsten Stunden erzählen, wer diesen Machtkampf am Ende gewann.

Es begann alles mit The Man Who Knew To Much: Hitch hatte ab Mitte der 1930er Jahren in England eine Reihe von Welthits gedreht. Der erste war eben The Man Who Knew To Much 1934. Dies machte Hollywood auf das junge Talent aufmerksam und Hitch bekam Angebote von einigen Studios (Quelle: Truffaut*). Hitch entschied sich für Selznick, da dieser ein unabhängiger Produzent war. Er hatte sein eigenes Studio und arbeitete nicht für eines der großen Studios wie MGM oder Paramount. Hitchcock glaubte, dass dieser unabhängige Produzent auch seinem Regisseur mehr Freiheiten zugestehen würde als das strenge Studiosystem. Er hat sich sehr stark geirrt.

Selznick war es gewohnt, seine Produktionen bis ins kleinste Detail zu überwachen und zu kontrollieren. Für ihn waren Regisseure nur Handlanger, die das machen sollten, was Selznick befahl. Kein Wunder dass dieser Dickkopf mit Hitchcocks dickem Schädel zusammenprallte. Dabei hatte Hitch noch Glück, dadurch, dass Selznick noch in der Postproduktion seines Opus Magnum Gone with the Wind steckte, konnte er nicht an Hitchs Set sein und das ließ Hitch verhältnismäßig viel Freiheit. Allerdings schickte Selznick Hitch unzählige Memos was er wie machen sollte. Später sagte Hitch mal in einem Interview, er plane eines dieser Memos zu verfilmen mit dem Titel „The Longest Story Ever Told“.

Hitch hasste Selznick so sehr, dass er ihm in späteren Filmen immer wieder Tritte verpasste. Über den Mörder in Rear Window sprachen wir schon. Aber auch in North by Northwest gibt es so einen Nachtritt. Das „O“ in David O. Selznick war frei erfunden, quasi ein Künstlername, und hatte keine Bedeutung. In North by Northwest heißt Cary Grants Charakter Roger O. Thornhill. An einer Stelle des Films wird er gefragt, wofür das O steht und antwortet „Nothing!”

Das Drehbuch von Rebecca

Rebecca basiert auf einem Roman von Daphne du Maurier. Das Buch war eine weltweiter Bestseller gewesen und eines von Insgesamt drei du-Maurier-Romanen, die Hitch verfilmt hat: Die anderen waren The Birds und Hitchs letzter brittischer Film Jamaica Inn. Hitch hatte sich schon früher um die Rechte an Rebecca bemüht. Die Summe, die du Maurier dafür aufrief, hatte er aber nicht zahlen können. Da er nun gerade deshalb nach Hollywood gewechselt war, um mit Budgets arbeiten zu können, die die englischen Studios ihm nicht bieten konnten, war es für Hitch ein guter Testballon, Selznick darum zu bitten, Rebecca verfilmen zu können. Selznick willigte ein.

A pro pos Testballon: Den ließ Selznick auch aufsteigen. Um zu testen, ob der Roman sich in ein Drehbuch umsetzen ließ, beauftragte Selznick einen jungen Radioregisseur, ein Hörspiel aus dem Stoff zu produzieren. Das Talent vom Radio hatte zudem mit seinem Hörspiel „The War of the Worlds” gerade einen großen Hit gelandet und Selznick hoffte auf entsprechende Mitnahmeeffekte für Rebecca. Die Rede ist natürlich von Orson Welles. Als Resultat des Hörspiels trug Selznick Hitchcock übrigens auf, die Titelheldin wie im Roman namenlos zu lassen. Hitch hatte geplant, sie nach der Autorin Daphne zu nennen.

Auch der Rest von Hitchs Drehbuch gefiel Selznick nicht. Wie gewohnt hatte Hitch zusammen mit seinen Drehbuchautorinnen Michael Hogan und Joan Harrison sich viele Freiheiten vom Original genommen und vor allem viel Humor in die Story hineingeschrieben. Das brachte ihm ein Memo von Selznick ein, in dem der Produzent schrieb, er sei “shocked and disappointed beyond words … We bought Rebecca and we intend to make Rebecca.” Bei einem anderen Aspekt war Selznick viel eher zu Änderungen bereit: Er überlegte lange, den Titel „Rebecca“ nicht zu verwenden, da er ihm zu jüdisch klang.

Hörempfehlung: You Must Remember This zur Hollywood-Blacklist

Der Name wurde letztlich beibehalten, im Gegensatz zum Ende des Romans, in dem offenbart wird, dass Maximilian de Winter Rebecca erschossen hat. Das widersprach dem Hays Code, dem zufolge – wir hatten das Thema schon öfter – Verbrecher nicht ungestraft davonkommen dürfen. Entsprechend wurde es abgeändert.

Die Dreharbeiten von Rebecca

Die Spannungen zwischen Hitch und Selznick nahmen auch während der Dreharbeiten nicht ab. Da Selznick noch immer mit Gone With The Wind beschäftigt war, beauftragte er den Regieassistenten Eric Stacey und das Script-Girl Lydia Schiller ihm jeden Tag alles zu berichten, was Hitchcock macht. Als Hitch das rausbekam, hat er die beiden wohl ziemlich gemobbt. Zum Beispiel erzählte er gerne in Meetings, in denen Schiller anwesend war, so lange obszöne Anekdoten, bis die Script-Supervisorin fassungslos den Raum verließ.

Hitch wiederum war es gewohnt, seine Filme „in der Kamera zu scheiden“. Er hatte eine Szene vor Drehbeginn schon genau im Kopf und drehte dann nur das Material, dass er brauchte. Das wiederum ärgerte Selznick ganz gewaltig. Denn er war es gewohnt, von den Regisseuren viele verschiedene Varianten einer Szene gefilmt zu bekommen und dann selbst im Schneideraum zu entscheiden, was er davon verwendete.

Das hielt Selznick nicht davon ab, Hitch in seinen Job reinzureden. Später wurde Hitchcock nicht müde, die Anekdote zu erzählen, wonach Selznick wollte, dass am Ende über dem brennenden Manderley der Rauch ein großes „R“ formt. Hitch fand dies viel zu dick aufgetragen und entschied sich dann dafür, den Film mit der brennenden Bettwäsche enden zu lassen, auf der „R“ eingestickt ist. Allerdings dürfen wir nicht unerwähnt lassen, dass Selznick die Geschichte mit dem Rauch-„R“ immer abgestritten hat.

Selznick war so unzufrieden, mit der Art und weise, wie Hitchcock den Film inszenierte, dass er zwischenzeitlich überlegte, die Produktion abzubrechen. Er war so verunsichert, dass er sein Frau Irene bat, sich das bereits gedrehte Material anzusehen, um ihm einen Rat zu geben, ob es sich überhaupt lohnte, weiterzumachen. Irene Mayer Selznick sah sich die gedrehten Szenen an und versicherte Selznick, dass sie exzellent waren.

Die Spannungen zwischen Hitch und Selznick waren auch nicht die einzigen Verwerfungen am Set. Laurence Olivier hatte sich stark dafür eingesetzt, dass seine Frischverlobte Vivien Leigh die Rolle der zweiten Mrs. de Winter spielt. Selznick und Hitch entschieden sich aber dagegen, da Leigh nicht zum grauen Maus-Image passte. Nach einem langen Casting, in dem Selznick werbewirksam so ziemlich jede zweite Hollywoodschauspielerin antreten ließ, entschieden sich er und Hitch für Joan Fontaine. Aus Rache, behandelte Olivier Fontaine während des Drehs wie den letzten Dreck. Hitch, der alte Fiesling, beschloss das auszunutzen und erzähle Fontaine, dass alle im Team sie hassen würden. Er machte dies, damit sie besonders niedergeschlagen und verunsichert wurde und so besonders gut die Rolle der zweiten Mrs. de Winter spielen konnte. Fontaine berichtete später auch, dass Olivier eine unangenehme Angewohnheit hatte: Wenn er einen Take versaute, pflegte der zu fluchen. Fontaine sagte, dass sie dabei Worte hörte, die sie bislang nur an Klowänden gesehen hatte.

Die komplette Second Unit und Joan Fontaine mussten drei Tage im Krankenhaus verbringen, weil sie sich beim Filmen der Szene, in der die zweite Mrs de Winter nach Manderley anreist mit Giftefeu vergiftet hatten. Vor einer Szene, in der sie weinen sollte, bat Joan Fontaine Judith Anderson (Mrs. Danvers), sie zu orfeigen, damit ihr das Weinen leichter fiel. Anderson wollte das aber nicht, woraufhin Hitch zur Tat schritt und Fontaine eine scheuerte.

Die Dreharbeiten waren ursprünglich für eine Dauer von 36 Tagen angesetzt. Insgesamt dauerte der Dreh dann aber 63 Tage, unter anderem, weil Joan Fontaine die Grippe bekam und weil die Gewerkschaft der Bühnenarbeiter streikte. Nachdem Hitch dann die Dreharbeiten offiziell beendet hatte. Übernahm Selznick die Regie, und ließ einige Szenen noch einmal neu drehen, die ihm nicht gefielen, insbesondere das Finale mit dem brennenden Manderley.

Kameraarbeit & Special Effects in Rebecca

Hitch und sein Kameramann George Barnes verwendeten “deep focus photography“ in Rebecca: Dabei wird mit sehr kleiner Blende bei stark ausgeleuchteten Set gefilmt, um den Effekt zu erzielen, dass sowohl Sachen im Vordergrund als auch im Hintergrund scharf zu sehen sind. Ein Jahr später machte Citizen Kane die “deep focus photography“ sehr populär.

Dem Team gelang es nicht, ein Haus zu finden, das Selznick als Manderley gefiel. Daher entschlossen sie sich eine Miniatur zu bauen. In einem zweiten Studio wurde noch ein Modell von der Ruine von Manderley gebaut, nur für die Eröffnungsszene. Viele innenarchitekturelle Details von Manderley waren „Matte Paintings“: Dabei werden meist auf Glasscheiben Details des Bildes aufgemalt. Die Scheibe wird dann zwischen der Kameralinse und dem Set platziert. Matte Paintings wurden teilweise auch beim Feuer am Ende verwendet. Außerdem recycelte Selznick hier Bilder von Flammen, die er schon für die „Burning of Atlanta“-Szene in Gone With the Wind verwendet hatte.

Filmisches Erzählen in Rebecca

Die erste Szene

In der ersten Szene sehen wir eine Kamerafahrt durch die Gitter eines Tores, einen gewundenen Pfad hinauf bis zu den Ruinen des Anwesens Manderley. Begleitet wird die Kamerafahrt durch den Voice Over der namenlosen Protagonistin, die klarmacht, dass es sich um einen Traum handelt und dass sie nie wieder nach Manderley zurückkehren kann. Im Traum erscheint es ihr, als gingen in den Fenstern der Ruine die Lichter an. Direkt im Anschluss gibt es einen harten Schnitt auf Maxim, der auf einer Klippe steht und sich ins Meer stürzen will.

Interessant ist an dieser Eröffnung, dass der Voice Over aus ihr eine subjektive Kamera macht – ein kreativer Einsatz vom sonst oft langweiligen Stilmittel des Voice Overs. Dann ist die Eröffnung interessant, weil Hitch hier sein altes Motto anwendet, uns Informationen zu geben, um dadurch die Spannung zu erhöhen: Wir sehen das Manderley zerstört ist, wir erfahren, dass die zweite Mrs. de Winter nie wieder zurückkehren kann und dass mit dem Haus die “strange days of my life” verbunden waren. Der dritte spannende Aspekt ist, dass durch die sich einschaltenden Lichter das Leitmotiv des Spuks gesetzt wird. Außerdem wird klargemacht, dass Manderley selbst ein Protagonist dieses Films ist. Es folgt der harte Schnitt auf den suizidalen Maxim, der klarmacht, dass auch Maxims Verhältnis zu Manderley problematisch ist.

Die Charaktere in Rebecca

Maxim

Maxim ist depressiv, er leidet unter Rebeccas Tod. Gleich in der ersten Begegnung mit der namenlosen Protagonistin zeigt sich ihre weitere Beziehung. Sie hält ihn vom Suizid ab und er beschimpft sie dafür. Im weiteren Verlauf wird er weiter autoritär in dieser Beziehung auftreten, sie hingegen unterwürfig.

Ein wichtiges Thema in Rebecca ist die Verarbeitung von Traumata. Maxims vermeintlicher Todschlag an Rebecca ist das größte Trauma des Films. Anscheinend ist für Traumata wesentlich, dass das traumatische Erlebnis immer wieder durchlebt wird. Dieses Wiederdurchleben zieht sich durch den Film und beginnt damit, dass Maxim die zweite Mrs. de Winter an dem Ort kennenlernt, an dem er mit Rebecca seine Flitterwochen verbrachte.

In diesem Zusammenhang ist auch eine freudianische Interpretation ganz interessant:

“Some scholars insist that “Rebecca”is one of the few Hollywood films to actively explore Freud’s Electra Complex. (The heroine, who is appropriately unnamed, finds love with the very paternal Maxim. As she steadily moves toward independence she faces harsh censure and possible destruction by an array of mother figures.)”

The Picture Show Man

These: Das wichtigste Thema für Hitchcock sind nicht die Thriller oder Kriminalfälle. Stattdessen mach Hitch immer Filme über die Beziehung zwischen Männern und Frauen. Und er zeigt in seinen Filmen stets ein sehr pessimistisches Bild, vertritt die Position, dass diese Beziehung zum Scheitern verurteilt ist.

Die Variante der problematischen Beziehung, die in Rebecca erzählt wird, ist die missbräuchliche Beziehung (abusive relationship). Maxim ist autoritär, unterdrückt die Namenlose. Durch ihre Namenlosigkeit wird diese Unterdrückung noch hervorgehoben (neben der Tatsache, dass sie immer im Schatten von Rebecca steht). Um über den Tod von Rebecca und seine Schuldgefühle hinwegzukommen, holt sich Maxim ein Mäuschen, das er glaubt, kontrollieren zu können. Daniel vertritt die These, dass Rebecca ein feministischer Film ist, da Hitch die starke patriarchale Rolle von Maxim in der Beziehung kritisiert. Paula gibt zu bedenken, dass die beiden starken Frauen im Film (Rebecca und Mrs. Danvers) die Villains sind.

Interessant ist, dass sich das Rollenverhältnis nach dem Twist wandelt. Dann ist Maxim schwach, aber die zweite Mrs. de Winter nutzt das nicht aus, sondern unterstützt ihn.

Mrs. Danvers

Mrs Danvers ist die Verbündete der toten Rebecca. Sie hasst die zweite Mrs. de Winter und will sie am Ende sogar in den Tod treiben, weil sie das Vermächtnis von Rebecca gefährdet sieht. Spannend ist vor allem eine Szene, die heute exemplarisch ist für “Queer Hollywood”: Die Darstellung von Homosexualität unter dem Hays Code. Anscheinend wurde Homosexualität auch schon im Roman zumindest angedeutet, zumindest sprach das Hays Office Selznick eine explizite Warnung aus:

“Joseph Breen, head of the Production Code, sent a strongly worded message to David O. Selznick explicitly forbidding any suggestion of  a relationship between Mrs. Danvers and Rebecca. Berenstein quotes directly from one of these letters in her article: “If any hint of this creeps into this scene, we will of course not be able to approve the picture.” Yet all of these things made it in to the final cut, regardless.”

Vivien Leigh & Laurence Olivier

Dennoch strich Hitch die Szene nicht komplett. Er inszenierte sie so: Die zweite Mrs. de Winter hat das alte Zimmer von Rebecca entdeckt und wird dabei von Mrs. Danvers überrascht. Die Haushälterin hält daraufhin einen Monolog, dass Rebecca viel cooler war und die namenlose Protagonistin nie in ihre Fußstapfen wird treten können. Im Rahmen dieses Monologs zeigt sie der zweiten Mrs. de Winter das Negligé von Rebecca und zeigt mit der durchscheinenden Hand, wie transparent es ist. Dies ist ein erotisches Symbol, das zumindest darauf hindeutet, das Mrs. Danvers in Rebecca verliebt war, möglicherweise hatten sie sogar eine Affäre. Für die Sehgewohnheiten unter dem Hays Code reichte diese kurze Szene aus, Homosexualität zu verdeutlichen und war zugleich das Äußerste, was Hitchcock wagen konnte, ohne zensiert zu werden.

Uns fiel auf, dass Mrs. Danvers optisch wie in der Inszenierung große Ähnlichkeit hat mit Severus Snape aus Harry Potter. Abgesehen von Haaren und Kleidung wird sie oft von unten angeleuchtet gezeigt. Außerdem hatte Judith Anderson die Regieanweisung bekommen, möglichst wenig zu blinzeln und (unterstützt durch ihr langes Kleid) sieht man sie kaum laufen. Sie taucht plötzlich auf und wenn sie sich bewegt, das schwebt sie fast.

Rebecca

Obwohl Rebecca nie zu sehen ist, ist sie eine eigene Protagonistin im Film. Rebecca wird immer als unbeschreiblich schön … äh … beschrieben. Damit ist sie der Kontrast der unscheinbaren zweiten Mrs. de Winter. Während die namenlose Protagonistin aschblondes, glattes Haar hat, erfahren wir, dass Rebecca schwarze Locken hatte.

In der Dialogszene, in der wir von Maxim erfahren, wie Rebecca starb, ist die tote fast anwesend. Dieses Paradox wird durch eine fantastische Kameraführung realisiert, indem die Kamera den unsichtbaren Bewegungen Rebeccas folgt und sie dadurch wieder zum Leben erweckt.

Eine weitere Repräsentation von Rebecca im Film ist ihr kleiner, schwarzer Cocker Spaniel Jasper. Der Hund ist im Haus immer an Orten anwesend, die der namenlosen Protagonistin explizit als mit Rebecca verbunden präsentiert werden. Er führt die zweite Mrs. de Winter sogar in die Hütte am Meer, in der Rebecca starb.

Die zweite Mrs. de Winter

“The reason Rebecca still grips lies in the fact that we can all see ourselves in Fontaine’s role: everyone plunged into a new and unfamiliar milieu has felt her uncertainty and fear that they are the wrong person, in the wrong place.”

The Guardian

Die namenlose Protagonistin freundet sich letztlich mit Jasper an, was auch gut ihren Charakterbogen symbolisiert: Sie lässt sich nicht abschütteln. Von der grauen Maus wächst sie nach und nach trotz aller Widrigkeiten in die Rolle der Hausherrin hinein.

Rebecca ist eine twisted Aschenputtelgeschichte. Die namenlose Protagonistin ist das Aschenputtel, das vom Prinzen aufs Schloss mitgenommen wird. Doch was folgt ist kein Märchen, das Schloss Manderley ist ein sehr abweisender Ort. Das Anwesen ist fast schon ein eigener Protagonist: Alles ist riesig, sodass die Protagonistin stets verloren wirkt. Die Türen sind viel zu groß, sodass die Türklinken auf Gesichtshöhe sind und der Kamin ist so riesig, dass er droht die zweite Mrs. de Winter zu verschlucken, als sie davor steht. In einer Szene sitzt die Namenlose allein an einem Tisch und isst, während die Kamera nach hinten den Tisch entlangfährt, sodass die Einsamkeit mit dem Holzhammer sichtbar wird.

Das Aschenputtel hat in diesem Film sogar eine Treppenszene. Die Namenlose kommt im Kostüm auf den Ball, doch statt wie im Märchen bewundert zu werden, sind alle entsetzt, weil sie sich genauso gekleidet hat, wie es Rebecca stets tat. Sie flüchtet dann vom Ball und verliert zwar nicht den Schuh aber ihren Hut.

Who wins the scene?

Hier das Video von Every Frame A Painting:

Youtube

Und hier die Szene, in Rebecca, in der Die Kamera wunderbar klarmacht, wer die Szene gewinnt:

Youtube

Die Szene beginnt mit einem Two-Shot von der Namenlosen und Maxim, die beiden sind eng beisammen, das Bild drückt Harmonie aus. Mrs. Van Hopper betritt die Szene und stellt sich buchstäblich zwischen das junge Glück. Jetzt kommt der erste Schnitt: Maxim dominiert die Szene, er ist der einzige, der uns anguckt. Außerdem überragt er die beiden Frauen. Die Namenlose ist verunsichert an den rechten, dunklen Bildrand gedrückt.

Im Moment, als Maxim die Verlobung mit der Namenlosen verkündet, zoomt die Kamera auf Mrs. Van Hopper. Im ersten Close-up der Szene sehen wir ihr Gesicht von Lächeln auf Empröung wechseln. Sie ist eindeutig im Hintertreffen. Kurzer One-Shot auf die Namenlose, die die Verlobung bestätigt. Dann folgt wieder ein Three-Shot, aber diesmal aus einem neutralen Winkel. Wir sehen Mrs. Van Hopper ihre Fassung wiedergewinnen. In dieser Phase dreht sie immer von Maxim zur Namenlosen und zurück. Als sie sich gefangen hat, hat sie sich komplett zu Maxim gedreht, der Namenlosen den Rücken zugewandt. Sie beginnt die Szene zu dominieren.

Als Mrs. Van Hopper versucht, die Hochzeitsplanung an sich zu reißen, zoomt die Kamera auf einen Two-Shot von ihr und der Namenlosen – Van Hopper hat ihr noch immer den Rücken zugewandt. Als der Two-Shut bis auf ein Close-up hineingezoomt hat, dreht sie sich und gibt ihrer Noch-Begleitdame den Befehl, ihr Gepäck wieder heraufbringen zu lassen. Die Namenlose will den Befehl folgen und geht um Mrs. Van Hopper herum zur Tür. Sie steht jetzt zwischen ihrer Chefin und Maxim.Die Kamera schwenkt und Van Hopper muss sogar noch einen Schritt machen, der (zugegeben etwas unelegant) nur dafür dafür da ist uns nun Maxim zu zeigen, der die Namenlose aufhält. Er und der Spielball dieses Machtkampfes stehen jetzt so, dass wir ihre Gesichter klar ausgeleuchtet sehen, währen Van Hopper dunkel an den Bildrand gedrängt nur von hinten zu sehen ist. Maxim hat die Kontrolle zurück. Wir sehen einen kurzen Reverse-Shot, als Van Hopper noch einmal zaghaft versucht, die Kontrolle wieder an sich reißen. Das Scheitert und wir sind zurück im Three-Shot, in dem Maxim und die Namenlose dominieren.

Dann geht Maxim ab, um das Gepäck zu holen. Die Namenlose gibt daraufhin freiwillig ihre überlegene Position auf und geht nach Links aus dem Frame. Von Van Hopper im Profil kritisch beäugt. Im Moment, da Van Hopper allein im Frame ist, äußert sie den Vorwurf, dass die Namenlose sie betrogen hat.

Schnitt auf die erste Totale: Van Hopper stehen an den Rändern des Bilds, die Namenlose hat Van Hopper den Rücken zugedreht, während sie sich die Vorwürfe anhören muss. Van Hopper geht auf sie zu, die Kamera zoomt bis zu einer amerikanischen Einstellung von den Beiden. Die Namenlose zeigt Van Hopper noch immer den Rücken. Van Hopper zündet sich eine Zigarette an, sie dominiert die Szene nun total. Was durch einen One-Shot von ihr unterstrichen wird. Kurzer Reverse-Shot, als die Namenlose zaghaft beginnt, sich zu verteidigen. Dann ein Two-Shot, in dem sich die Namenlose umgedreht hat und beide nun kurze Zeit gleichwertig sind.

Doch während Van Hopper ihr prophezeit, welch schweres Schicksal sie auf Manderley haben wird, geht Van Hopper von der Namenlosen weg, die Kamera folgt in einem Schwenk bis Van Hopper vor eine Spiegel steht und jetzt buchstäblich einen Two-Shot mit sich selbst hat. Sie dominiert total. Kurzer Reactionshot, dann dreht sich Van Hopper um und blickt macht im Close-Up die Namenlose weiter fertig. Doch jetzt hat sie den Bogen überspannt, die Namenlose verweist sie des Zimmers und die Kamera folgt ihr dabei in einem Schwenk, während sie im Angriff auf Van Hopper zugeht. Van Hopper verlässt das Zimmer, die Kamera folgt in einem weiteren Schwenk, an dessen Ende sie in der Tür steht. Van Hopper ist nun klein im Hintergrund während die Namenlose von hinten gesehen den Vordergrund des Bildes dominiert. Sie hat gewonnen.

Doch als Van Hopper geht, gibt sie der Namenlosen den einzigen Namen, den sie je haben wird: Mrs. de Winter. Die Kamera zoomt heraus bis zur Totalen, in der wir Mrs. de Winter halbabgewandt, alleine und klein im großen Zimmer stehen sehen. Im letzten Frame hat sie die Szene doch noch verloren.

Das ist sehr, sehr geile Kameraarbeit!

Hitchcocks Cameo

Man sieht ihn in der 123. Minute des Films hinter einer Telefonzelle entlanggehen, kurz nachdem Jack Favell darin ein Telefongespräch mit Mrs. Danvers geführt hat.

Wikipedia

Das Cameo ist so unscheinbar, dass wir es nicht erkannt hätten, wenn wir es nicht vorher gelesen häten.

Die Rezeption von Rebecca

“First, it is the finest job of direction accomplished by a master director and may justly be called Alfred Hitchcock’s masterpiece.”

Zeitgenössische Kritik von The Daily News

Kehren wir zurück zur Oscarverleihung. Ihr alle kennt die Geschichte: Hitch sollte weder diesen noch irgendeinen anderen Oscar gewinnen. Und Selznick? Der gewann! Rebecca erhielt neben dem Oscar für die beste Kamera auch den für den besten Film. Selznick war der erste Produzent, dem es gelang , den wichtigsten Oscar zweimal in Folge zu gewinnen (Gone with the wind, Rebecca). Rebecca war übrigens der einzige Film, der bislang den Oscar für den besten Film gewinnen konnte, ohne den für die beste Regie oder das beste Drehbuch zu bekommen.

Im Interview mit Truffaut urteilte Hitch dann auch: Rebecca ist kein Hitchcock-Film, da er zu humorlos sei, ein Frauenfilm sei und Selznick Hitchs Drehbuch abgelehnt habe. Allerdings gestand er ein, dass der Film gut gealtert sei, obwohl er nicht genau weiß warum. DAs Interview wurde 1962 geführt (Quelle: Truffaut*).

Selznick hatte übrigens Rebecca am Tag, als die Oscarnominierungen bekanntgegeben wurden, noch einmal in LA in die Kinos gebracht. Als zusätzliche Werbemaßnahme brachte er sogar den Gouverneur dazu den Hollywood Boulevard für einen Tag in “Rebecca Boulevard“ umzubenennen. Rebecca war ein großer Erfolg und spielte insgesamt 6 Millionen Dollar ein (1,3 Mio Budget, mehr als das Vierfache). Die Nazis benutzten den Roman Rebecca als Grundlage für einen Code während des zweiten Weltkriegs.

Wie so oft, hatte auch Rebecca ein juristisches Nachspiel: 1944 verklagte Edwina Levin MacDonald David O. Selznick, Daphne Du Maurier und die Produktionsfirmen. Ihrer Meinung nach, war Rebecca ein Plagiat ihres Roman “Blind Windows”. 1948 urteilte der New Yorker District Court, dass es zwar genug Parallelen gibt, die belegen, dass Du Maurier “Blind Windows” kannte und sich daran orientiert hat, dass aber keine Urheberrechtsverletzung vorliege, weil sie etwas eigenes damit geschaffen habe. Die Klägerin erlebte das Urteil nicht mehr, sie war inzwischen verstorben.

Wie wir schon im Teaser in Folge 69 verraten haben, war Rebecca in Spanien so erfolgreich, dass dort die Art von Jacken, die ironischerweise ausgerechnet Joan Fontaine im Film trug noch heute „Rebeccas“ genannt werden.

Preise und Bestenlisten

  • Rebecca war der Auftaktfilm bei der ersten Berlinale
  • Rebecca gewann den Oscar für den besten Film in einem außergewöhnlich starken Jahr. Die anderen Nominierten waren: The Grapes of Wrath, The Philadelphia Story, The Great Dictator und Foreign Correspondent.
  • Rebecca steht in der IMDB-Bestenliste derzeit auf Platz 156 (Juli 2016).
  • Auf Rotten Tomatoes ist er mit den seltenen 100% bewertet.
  • Der Film ist gelistet in den”1001 Movies You Must See Before You Die” von Steven Schneider.
  • Außerdem ist er in zwei AFI-Listen zu finden: In “100 Years…100 Thrills”  steht er auf Platz 80 und in “100 Years…100 Heroes and Villains” steht Mrs. Danvers auf Platz 31.
  • Und die American Society of Cinematographers wählte Rebecca auf Platz 18 der besten Filme von 1894 bis 1949.

Zitate & Referenzen

  • Es gab verschiedene Neuverfilmungen und Radioadaptionen von Rebecca. Teilweise wurden dabei die Originaldialoge wiederverwendet.
  • Citizen Kane referenziert sowohl den Anfang als auch das Ende von Rebecca
  • Außerdem hat Hitch einen Stuhl sowohl in  Suspicion (1941) als auch in Dial M for Murder (1954) wiederverwendet

Lesenswert

The End.

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