SF41 – Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande

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Ein Spätfilm-Telegramm zum Debut von Pedro Almodóvar

Zusammen mit Pepi, Luci, Bom und einem exotischen Typen reisen wir durch die Zeit in die Movida madrileña. Diese Folge ist absurd, komisch, aber auch widerlicher als der Geruch eines Mähnenwolfes. Wir sprechen über jede Menge Sex und pinkeln auf das Establishment.

Vorgeplänkel

Unser Sponsor ist diesmal “Bates Motel” und im Zitat spricht der Meister höchstpersönlich: Hitch im Trailer zu Psycho. Das Copyright liegt bei Paramount ♦ Paula trank in der Folge zu Brügge sehen… und sterben Mai-Bowle ♦ Werdet unsere Sponsoren! Bitte mit O-Ton-Schnipsel!! Bewerbungen an info@privatsprache.de ♦ Der Spätfilm ist jetzt übrigens auch bei Facebook ♦ Auf den Wunsch von Timm hin besprechen wir demnächst Duell von Steven Spielberg, außerdem haben wir unserer Watchlist noch folgende Filme hinzugefügt: Von Roman Polanski Rosemary’s Baby und Der Mieter (Le locataire) sowie Abwärts von Carl Schenkel ♦ Daniel war woanders: nämlich bei Radio FritzDer/Die/Das Weisheit hat auch die Frage nach der unnützen Superkraft beantwortet ♦ #TeamLaberpodcast ♦ Paula will auf ein Jimmy-Hendrix-Konzert zeitspringen ♦ Hier die ganz großartige Nummer von Louis C. K. zu Zeitreisen ♦ Daniel würde in die Antike reisen oder kurz bevor Apple erfolgreich wurde und dann Aktien kaufen ♦ ZeitreisenethikHier hat Mathias total falsche Vorausdeutungen zu Daniels Gremlins Anekdote gemachtIm Gegensatz zu anderen großen Wildhunden jagt der Mähnenwolf nicht im Rudel

Die Eckdaten zu Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande

Originaltitel: Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón
Erscheinungsjahr: 1980
Regie: Pedro Almodóvar
– Filmographie:

Besetzung: Carmen Maura, Alaska, Eva Siva
Budget: 6 Millionen ESP (ca. 46.000 $)
Genre: Komödie, Queer Comedy, Campy Comedy, Punkfilm, Rachefilm

Der Film spielte 43 Millionen ESP ein (ca. 330.000 $) ♦ Er ist ein Zeitzeugnis der Movida madrileña, einer Art Kulturrevolution der madrilenischen Jugend in der jungen Demokratie. Denn erst 1975, mit dem Tod Francos endete in Spanien der Faschismus.

Filmisches Erzählen in Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande

Handwerkliche Schwächen

Leider weist der Film einige handwerkliche Schwächen auf. So verfügt er über eine sehr schlechte Bildqualität, teilweise sind Köpfe abgeschnitten und die Qualität der Schauspieler variiert stark, sodass manche in starkes Overacting verfallen. In einer Szene führt Pepi ein Selbstgespräch, was quasi eine Bankrotterklärung ans filmische Erzählen ist, da der Regisseur damit eingesteht, dass es ihm nicht gelingt, die Motivation der Protagonistin uns zu vermitteln, ohne dass diese sie ausspricht, selbst wenn sie gerade keinen Dialogpartner hat. Es ist quasi der extremste Bruch von Show, don’t tell, der möglich ist.

Ferner treten ständig Protagonisten auf, die wirken, als müsste der Zuschauer wissen, um wen es sich handelt, ohne dass dies zuvor klargemacht wurde. Andererseits werden andere Protagonisten groß eingeführt und verschwinden dann wieder, ohne dass sie etwas zur Handlung beigetragen haben. Uneins sind wir uns bei der Frage, ob obendrein noch ein Kontinuitätsfehler begangen wurde bei der Szene, in der Pepi von ihren Eltern mitgeteilt bekommt, dass diese sie nicht mehr unterstützen wollen.

Stummfilm-Ästhetik

Almodóvars Talent kann man erahnen, dadurch dass er gelegentlich bewusste Referenzen an den Stummfilm macht. So benutzt er Zwischentitel, der Film beginnt mit einer Stummfilm-Szene, die dadurch erklärt wird, dass die diegetische Musik so laut ist. Und im dramatischen Höhepunkt des Filmes, als der Polzist und Ehemann von Lucy seiner Frau auflauert, wird mit Schatten als Boten des Bösen gearbeitet ein beliebtes Stilmittel im Deutschen Expresionismus.

Unkonventioneller Sex als Gesellschaftskritik

Der Film beginnt damit, dass Pepi von einem Soldaten (als Symbol für den Staat) vergewaltigt wird. Aber sie lässt sich das nicht gefallen, sondern rächt sich mit Hilfe anderer, gewissermaßen eines organisierten Widerstandes. Lucy steht für das biedere Bürgertum, das Establishment, auf das in einer Holzhammermetapher gepinkelt wird.

Ferner sehen wir mehrere skandalöse Werbespots in denen Furze, Urin und Dildos prominente Rollen spielen. Almodóvar benutzt hier etwas das systemimanente und systemerhaltende Medium Werbung, um eine sexuell-revolutionäre Botschaft zu vermitteln. Im Zuge dieser Werbespots ist von der “Erotikwelle, die das Land überflutet” die Rede, was gewissermaßen das Leitthema des Films zusammenfasst.

Dieses Motiv von Erotik, besonders nicht-heterosexueller Erotik als Form des Protests gegen das Establishment wird immer wieder aufgegriffen. So sehen wir in einer Kamerafahrt an einer Wand erst das Bild der britischen Queen Elisabeth II gefolgt von jeder Menge Pin-Ups als Kontrast.

Am Ende kehrt Lucy (das Bürgertum), die sich zunächst der sexuellen Revolution angeschlossen hatte, zu ihrem Mann (dem faschistischen Staat) zurück, nachdem er sie krankenhausreif geprügelt hat, was ihr aber gefällt. Hier zeigt sich eine düstere Zukunftsprognose Almodóvars für die spanische Gesellschaft der 80er-Jahre.

Kritik an der Darstellung von Sex und Vergewaltigung

Almodóvar bedient sich des Tropes “Sex als Initiation”. Wir hatten das Thema bereits in unserer Pulp-Fiction-Folge, in der Tarantino in der Überdosis-Szene damit spielt, indem er das Lied “Girl, you’ll be a woman, soon” spielt, dann aber kein Sex sondern eben die Überdosis folgt. Almodóvar benutzt den Trope hier hingegen sehr konventionell. Pepi wir zunächst noch als naiv dargestellt, nach ihrem sexuellen Erlebnis ist sie hingegen eine gereifte Frau, die entsprechend auftritt und sich kleidet. Die besondere Problematik in diesem Gebrauch des Tropes liegt darin, dass aber nicht ein gewöhnlicher sexueller Akt die Metamorphose auslöst, sondern eine Vergewaltigung, was Almodóvar überhaupt nicht reflektiert.

Die Vergewaltigung wird zudem sehr merkwürdig inszeniert, geradezu lapidar, sodass Almodóvar in der nächsten Szene Pepi auch noch einmal aussprechen lassen muss, dass es sich um eine Vergewaltigung gehandelt hat, da dies sonst nicht unbedingt klar wird. So fügt dann Almodóvar auch im Laufe des Films eine zweite Vergewaltigung ein, um den moralischen Status des Polzisten klarer herauszuarbeiten.

Weiterhin ist zu kritisieren, dass die Vergewaltigung ein bloßer Plott-Device ist um den Rachefilm in Gang zu setzen. Das ist sehr faules Drehbuchschreiben, da es eine 0815-Lösung und ein Klischee ist, das von Drehbuchautoren genutzt wird, die sich keine komplexere Motivation für ihre Protagonistinnen ausdenken wollen. Wir verweisen auf den sehr guten Artikel des FILM CRIT HULK zu diesem Thema.

Schließlich wird auch Masochismus flach und falsch dargestellt. Im Film wird explizit ausgedrückt, dass es okay ist, Menschen, die auf Lustschmerz stehen, zu vergewaltigen und zusammenzuschlagen, da sie ja darauf stehen. Es wird komplett ausgeklammert, dass BDSM-Sex immer konsensuell zu erfolgen hat.

Fin.

5 Gedanken zu „SF41 – Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande

  1. Paula

    Das erforderliche Mindestalter für das Hören dieser Folge ist: 16 Jahre. Oder eine weit entwickelte geistig-soziale Reife.

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  2. Pingback: SF41 – Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande | Privatsprache

  3. Arne (jacker)

    “Schon ziemlich verworren, ne?”

    JA! 😀
    Ich habe gerade viermal die Inhaltsangabe zurück geskippt, bis ich einigermaßen folgen konnte was passiert. Köstlich. Vor allem die lange Pause nach der Zusammenfassung spricht Bände! Nun bin ich gespannt, wie ihr den Film fandet…

    Antworten
    1. Arne (jacker)

      Ganz köstlich 😀

      Hat mir sehr viel Spaß gemacht den Podcast weiter zu hören – der Lachflash hat mich übrigens ziemlich mitgerissen! Wie seid ihr denn auf diesen Film gekommen? Ich kenne zwar nur die 4 neusten seiner Filme, aber finde ja Pedro Almodovar auch toll (DIE HAUT… ist tatsächlich auch für mich eins der creepigsten, morbidesten Werke schlechthin!) – von dem Debut hab ich jedoch noch nie was gehört… Sein aktuellster Film FLIEGENDE LIEBENDE ist leider ziemlicher Murks. Richtig fies!

      Hatte eine gute Zeit und werde dank dieser “Warnung” definitiv erstmal einen Haufen seiner anderen Filme nachholen, wenn mir mal danach ist.

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