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1918 – A Dog’s Life

Das Ende der Kurzfilm-Ära kündigt sich mit diesem Film langsam aber sicher an. Chaplins erster Film für First National Films, mit denen er einen Vertrag unterschrieb, der ihn zum Millionär machte, ist auch Chaplins erster Three-Reeler, er wurde also auf drei Filmrollen ausgeliefert, die Standard-Kurzfilme, waren Two-Reeler gewesen. Erneut sehen wir Edna Purviance als weibliche Hauptdarstellerin, außerdem sehen wir auch Charlies Bruder Sydney Chaplin als Besitzer einer Fressbude.

Mit diesem Film hat Chaplin endgültig seinen Stil gefunden, der Tramp wirkt wesentlich sympathischer als noch in The Rink, er ist der Underdog, mit dem wir uns identifizieren können. Das wird in keiner Szene deutlicher als im Tagelöhnerbüro. Der Tramp versucht dort einen Job zu ergattern, doch obwohl er eigentlich der erste in der Reihe ist, wird er von stärkeren und rücksichtsloseren Arbeitssuchenden rumgeschubst, sodass er am Ende noch immer ohne Job dasteht. Diese Szene wird dann schön gespiegelt mit dem namensgebenden Hund des Films, der von stärkeren Hunden wegen eines Knochens bedrängt und dann von Chaplin gerettet wird.

Doch gehen wir noch einmal einen Schritt zurück, zur ersten Szene: Der Film beginnt nämlich mit einem geradezu poetischen Witz, der schön zeigt, warum Chaplin ein ganz anderes Kaliber ist als der Haudrauf-Humor von Arbuckle in Coney Island. Der Tramp schläft – natürlich – unter freiem Himmel, er hat ein Plätzchen gefunden, das von einem löchrigen Zaun umgeben ist. Wir sehen ihn erwachen, weil er offensichtlich friert, er nimmt sein Taschentuch, stopft eines der unzähligen Löcher im Zaun und schläft dann selig weiter. Sooo schön!

Wir sehen direkt im Anschluss auch einen assoziativen Schnitt in Reinform. Zwar hatten wir das Prinzip schon in The Birth of a Nation mit den Welpen, aber hier ist der assoziative Schnitt aufs Wesentliche kondensiert: Wir sehen erst den Tramp schlafend am Boden und nach dem Schnitt den Hund, so dass auch dem ungeübtestem Seher gleich klar wird, dass hier zwei vom gleichen Schlag sind.

Ebenfalls erwähnenswert sind die ersten Reaction Shots, die mir in meiner Reise aufgefallen sind. Edna Purviance singt in einer Bar ein Lied und die Close-Ups der Gesichter im Publikum lassen keinen Zweifel aufkommen, welche Emotionen das Lied weckt.

Schließlich ist noch spannend, dass Chaplin hier schon massive Sozialkritik übt, die er noch mit einer schonungslosen Respektlosigkeit der Polizei gegenüber kombiniert, beides sollte ihm später den Kommunismus-Vorwurf einhandeln und die damit verbundene Ausweisung aus den USA. Ich hatte erwartet, dass dieses Thema erst mit der Great Depression ab 1929 bei ihm Einzug hält, aber es ist auch 1918 alles schon da.

1917 – Coney Island

Der erste Film von Paramount, den ich hier bespreche, damit sind wir endgültig in Hollywood angekommen, auch The Birth of a Nation war schon in Hollywood produziert worden.

Ich hatte den Film ausgewählt, da Buster Keaton in den Credits auftauchte. Allerdings spielt Keaton nur die Nebenrolle. Star und Regisseur war Roscoe ‘Fatty‘ Arbuckle. Arbuckle war mir bislang überhaupt kein Begriff. Er war aber auch einer der ersten großen Stummfilm-Stars und wurde mit seinem Schaffen sogar zum Millionär, was damals noch ziemlich schwer war. Dass er mir nicht bekannt war, könnte mit einem Skandal zusammenhängen, der Arbuckles Karriere zerstörte. Er wurde angeklagt, eine Schauspielerin vergewaltigt zu haben, die dann an den Folgen gestorben sein soll. Zwar wurde Arbuckle in allen Anklagepunkten freigesprochen, aber die Yellow Press hatte schon vor dem Urteil dafür gesorgt, dass er später keine Anstellung mehr fand.

Der Film selbst zeigt uns wieder einige Errungenschaften. Die Close-Ups sind nun etabliert, ich brauche sie in Zukunft nicht mehr extra zu erwähnen. Wir haben mal schöne High-Angle-Aufnahmen, die aus dem sonst unspektatulären Bildern herausstechen. Interessant ist, dass der Film anscheinend (zumindest teilweise) mit einer Handkamera gefilmt worden ist, da die Bilder entsprechend wackeln. Die Wikipedia weiß auch zu berichten, dass die Handkamera schon seit 1911 in Serienproduktion war.

Schauspielerisch ist das Overacting zurück. Der ganze Film ist seeeeehr dick aufgetragen, er hat einen Hau-Drauf-Humor im Stile eines Adam-Sandler-Films. Zwar blitzt gelegentlich Keatons Talent auf, aber von der subtilen Grazie seiner späteren Filme ist noch nicht viel zu sehen. Erwähnenswert ist noch, dass sehr oft die vierte Wand durchbrochen wird, so zum Beispiel, wenn Arbuckle sich in einer Szene umzieht und den Kameramann auffordert, die Kamera mehr zu heben, sodass sie keine intimen Details aufnimmt.

Inhaltlich ist der Film misogyner Dreck, bei dem Frauen entweder Xanthippen sind, vor denen man weglaufen muss oder treulose Dinger, die ständig den Mann wechseln, wenn der neue nur genug zu bieten hat.