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SF125 – Kill Bill: Vol. 2 (feat. die komplette Superhero Unit)

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... geht in Shia LaBeoufs neuesten Film
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Talking Murderer
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... hat Salz in der Shotgun
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Der Mann mit drei Identitäten
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Unfinished Business

Unser Skype-Gespräch gibt es nicht auf der Kinoleinwand, obwohl es dort wahrscheinlich mehr Zuschauer hätte als Shia LaBeoufs neuester Film. Dennoch haben wie weder Kosten noch Mühen gescheut, um Eastern und Western verschmilzen zu lassen: In dieser Folge hört ihr gleich beide Hälten der Superhero Unit, natürlich darf die Trademark der Enough-Talker nicht fehlen, wenn Supermans wahre Identität weggepiept wird. Paula trägt derweil Buds Hut und Daniel kommt zu the only conclusion, wenn er sich fragt, warum Bills Bruder Salz in seiner Shotgun hat. Kollektiv leiden wir am Talking Murderer Syndrome, wenn wir Elle Driver mit Daredevil vergleichen und fransen gewaltig aus in Diskussionen über Kinder, die das neue CGI sind, das heute gar nicht mehr gemacht wird. Aber keine Sorge: wir können kann ja alles spielen!

Vorgeplänkel

Diese Folge ist Teil des #oWEstern, auch dabei waren die Second Unit mit The Revenant, die CineCouch mit Die glorreichen Sieben, der Lichtspielcast mit Das finstere Tal und die Wiederaufführung mit The Ballad Of Cable Hogue. ♦ Unsere Gäste sind diesmal Arne und Christian von der Superhero Unit ♦ Wir sind müde ♦ Wir prousten ♦ Wir durften einen Artikel für das Magazin Kinemalismus über Breakfast Club schreiben ♦  Was macht eigentlich Shia LaBeouf? MEDITATION FOR NARCISSISTS und einen legendär unerfolgreichen Kinostart

Die Eckdaten von Kill Bill: Vol. 2

Erscheinungsjahr: 2004
Regie: Quentin Tarantino
– Filmographie als Script Doctor:
1994 It’s Pat 
1995 Crimson Tide – In tiefster Gefahr
1996 The Rock – Fels der Entscheidung

Budget: 52 Mio $ (für beide Teile zusammen)
BesetzungUma Thurman (Beatrix Kiddo), David Carradine (Bill), Michael Madsen (Budd), Daryl Hannah (Elle Driver), Gordon Liu (Pai Mei), Michael Parks (Esteban Vihaio), Perla Haney-Jardine (B. B.) und Samuel L. Jackson mit einem Gast-Auftritt als Organist Rufus in der Kapelle, in der das Massaker stattfand.
Genre: Western, Martial-Arts, Rachefilm

Die Produktion von Kill Bill: Volume 2

Robert Rodriguez übernahm die Musikauswahl für Kill Bill 2 für eine Gage von einem Dollar. Im Gegenzug führte Tarantino bei einer Szene von Sim City (2005) Regie – ebenfalls für einen Dollar.

Das Auto, das Beatrix Kiddo fährt, ist ein Karmann-Ghia Cabriolet, Typ 14 Baujahr 1972 von Volkswagen. Insgesamt wurden nur 176 dieser Wagen gebaut. Beim Dreh kamen zwei davon zum Einsatz weil Uma Thurman das erste crashte. Thurman fiel für eine Woche aus, um sich von den Folgen des Unfalls zu regenerieren.

Kill Bill wurde – natürlich – auf Film gedreht. Der Schwarz-Weiß-Teil des Films ist exakt eine Filmrolle lang. Das nerdigste Easteregg aus Tarantinos Filmographie. Den Dialog über Budds Hut schrieb Tarantino in den Film als Dis gegen Micheal Madsen. Tarantino selbst war es, der den Hut hasste, er versuchte Madsen davon zu überzeugen, ihn nicht beim Dreh zu tragen, aber Madsen bestand darauf. Tarantino gab schließlich nach und ließ Michael Madsen seinen Hut behalten, aber überreichte ihm am nächsten Tag die Drehbuchänderung mit entsprechenden Dialog.

Ursprünglich sollte der Showdown ein Schwertkampf bei Mondlicht am Strand sein, bei dem Beatrix ihr Brautkleid trägt. Aber Harvey Weinstein bestand darauf, dass die Szene geschnitten wird, da die Dreharbeiten schon so lange angedauert hatten. Daher lässt Tarantino Bill dieses geplante Ende dann nur erzählen. Die Flöte, die Bill spielt, hatte David Carradine selbst geschnitzt. Die Hacienda von Bill war in Wirklichkeit das damalige Haus von Heidi Klum und Seal.

Filmisches Erzählen in Kill Bill 2

Western oder Eastern?

Daniel vertritt die steile These, dass der erste Teil von Kill Bill ein Eastern ist, der zweite hingegen ein Western. Arne widerspricht und will die Trennung nicht so streng sehen. “Man kann den Western auch nich aus Kill Bill 1 rausrechnen”.

Natürlich sind beide Teile ein Mash-up aus verschiedensten Genres. So gibt es mit der Trainings-Sequenz natürlich einen großen Block Martial-Arts, es gibt den Zombiefilm – wenn die Hand aus dem Grab kommt, Survival – wenn die Braut im Sarg steckt. Aber wenn man die Komposition der beiden Filme betrachtet, dann liegt im ersten Teil der Fokus auf klassischen Eastern-Szenen wie dem “Tea House Fight” oder dem “Garden Fight”. Im zweiten Teil läuft hingegen alles auf den großen Trope des Westerns hinaus: Das Duell. Der Film beginnt schon mit einen Zitat von The Searchers, um die Stimmung zu setzen. Während Beatrix im ersten Teil den Anzug von Bruce Lee trägt, läuft sie im zweiten mit Cowboystiefeln, Jeans und Karohemd rum und tritt den Showdown nicht mit ihrem Schwert sondern mit einer Pistole an und wird dann auch von Bill mit einer Pistole mit dem Wahrheitsserum angeschossen.

Weitere Unterschiede zwischen den beiden Teilen von Kill Bill

Das Tempo ist viel langsamer als im ersten Teil: Während der erste Film ein Plott-getriebenes Actionfeuerwerk war, kehren in Teil zwei von Kill Bill die typischen Tarantino-Dialoge zurück und machen den Film zu einem eher Charakter-getriebenen Werk. Während die Braut im ersten Teil agiert, wird sie hier zum Reagieren gezwungen: Während sie im ersten Teil viel austeilt, steckt sie hier vor allem viel ein.

Der Name der Braut

Warum wird der Name “Beatrix Kiddoh” im ersten Teil von Kill Bill ausgepiept und ist hier zu hören? Ist das nur eine der vielen schrulligen Witze von Tarantino? Genau wie ihr Name nicht im ersten Teil gehört wurde, sah man auch Bill nie. Beides wird ziemlich früh in Teil zwei geändert. Ganz ohne Frage war das für Tarantino ein großer Spaß. Aber es kommt noch ein zweiter Aspekt hinzu: Die Braut ist in Kill Bill 1 ist im ersten Teil viel anonymer. Eine Token-Martial-Arts-Kämpferin auf einem Rachefeldzug. In Kill Bill: Vol. 2 erfahren wir ihre Backstory, die Schablone bekommt einen richtigen Charakter und hat sich damit einen Namen verdient.

Die Klammer um den Film

Tarantino liebt es Klammern um seine Filme zu packen. Reservoir Dogs beginnt mit einem Dialog über Madonna und endet mit einem gespiegelten Shot von Michelangelos Pietà. In Pulp Fiction spielen Prolog und Epilog im selben Diner und bilden eine (zweigeteilte) Szene. Jackie Brown ist zu Beginn Teil der Diegese, während extradiegetisch “Across the 110th Street” läuft und am Ende ist sie aus der Diegese ausgestiegen, wenn wieder “Across the 110th Street” läuft und sie mitsingt.

Kill Bill: Vol. 1 beginnt nun mit Nancy Sinatras “Bang Bang (My Baby Shot Me Down) ” – einem Lied, in dem Sinatra davon singt, wie ein Mann sie als Kind mit einer Spielzeugpistole erschießt und später ihr Herz bricht. Kill Bill: Vol. 2 endet dann damit, dass Bill zunächst so tut, als hätte Beatrix ihn mit einer Spielzeugpistole erschossen. Kurz darauf bricht sie ihm buchstäblich das Herz.

Die Sarg-Szene

Eine der stärksten Szenen in Kill Bill 2 ist die Sargszene. In der Mitte des Films wird Beatrix lebendig begraben. Der geübten Zuschauerin ist natürlich klar, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht sterben kann. Die Frage ist also, wie kommt sie aus dieser ausweglosen Situation wieder raus? Eigentlich kann hier nur eine Deus ex Machina folgen. Denn sie liegt im Sarg und hat nichts, das ihr helfen kann. Aber ein bloßer Zufall als Rettung währe gecheatet. Daher folgt nun eine 30 minütige Rückblende, die uns erzählt, wie Beatrix die Fähigkeit erworben hat, sich aus dieser Situation zu befreien. Im Rahmen dieser Rückblende bekommen wir das vermeintlich unwichtige Detail der “Five Point Palm Exploding Heart Technique” erzählt, das sich später als Chekhovs Gun entpuppt und zum namensgebenden Kill führt. Das ist ein verdammt gutes Drehbuch!

Eine Fantheorie zum Tod von Bill

Es gibt eine Fantheorie, wonach Beatrix Bill gar nicht tötet. Hier die Argumente:

  • Bill fragt Beatrix, ob Pai Mei ihr die “Five Point Palm Exploding Heart Technique” beigebracht hat. Während sie das bestätigt, schüttelt sie aber den Kopf.
  • Beatrix schlägt nicht fünf Mal zu sondern sechs Mal!
  • Bill mach sechs Schritte und nicht fünf.
  • Als Beatrix auf dem Badezimmerboden liegt, sagt sie immer wieder “Thank you!” Wem dankt sie da? Bill natürlich, der sie und B. B. hat gehen lassen!
  • Als man Bill im Abspann noch einmal sieht, liegt sein einer Fuß etwas anders.
  • Außerdem wird sein Name im Abspann nicht durchgestrichen.

The only conclusion based on this entire sequence is that Beatrix does not kill Bill in Kill Bill.”

Kritik an Kill Bill: Volume 2

Wie schon beim ersten Teil haben wir einige Kritikpunkte an dem Film diskutiert (Unsere seh hörenswerte Meinungen 😉 dazu gibt’s im Cast):

  • Budd fällt dem Talking Murderer Syndrome anheim und macht den klassischen Fehler, die Braut nicht einfach umzubringen. Stattdessen hat er einen typisch-komplizierten Plan, der natürlich schief geht. By The Way: Beatrix macht genau das gleiche mit Elle Driver.
  • Viele Menschen sehen Realismus und Naturalismus als die höchste Form der filmischen Darstellung an. Das ist aber etwas, auf das Tarantino komplett verzichtet. Seine Filme sind bewusst künstlich. Aus jeder Szene trieft die ganz offensichtliche Inszenierung. Das kann man natürlich auch kritisieren.
  • Der Film bietet nur Eskapismus: Er stellt Gewalt glamourös, als Fetisch und übernatürlich dar.

Tarantinos Entwicklung

Genauso untersuchen wir weiter, wie sich Tarantino als Regisseur entwickelt.

Starke Frauen: Beatrix schlägt in ihrem Auftreten einen schönen Bogen. Sie beginnt quasi als maximal weibliches Symbol – als schwangere Braut. Über weite Teile des Films tritt sie dann komplett unsexualisiert, androgyn auf. Am Ende ist ihre Präsenz dann wieder weiblich: Sie trägt einen Rock, einen figurbetonten Top und ist wieder Mutter.

Erlösungsgeschichte: Am Ende des Films, nachdem alles vorbei ist, liegt Beatrix halb weinend halb lachend am Boden im Bad eines Motels. Wie Arne schön feststellt, symbolisiert dies den finalen Erlösungsmoment, wenn ihr weinen aufgrund der traumatischen Erfahrungen in ein Lachen übergebt, dass sie tatsächlich überlebt hat und ihr eine Zukunft zusammen mit ihrer Tochter bevorsteht.

Musik: Der Soundtrack ist etwas schwächer als im ersten Teil.

Kamera: Wenn das Deadly Viper Assassination Squad am Anfang die Kapelle betritt, dreht die Kamera dezent weg, statt einmal mehr den Gewaltakt zu zeigen. Das ist ein Stilmittel, das Tarantino schon in der Folterszene in Reservoir Dogs angewandt hatte. Zweimal gibt es den Dead-Body-Shot zu sehen: Wenn die Braut am Boden liegt und Budd und sein Gehilfe über ihr stehen. Beim zweiten Mal liegt dann Budd und Elle Driver steht über ihm.

Schauspielerführung: Wir feiern David Carradine ab. Er spielt nicht nur gut und trägt nicht bloß gut die schrulligen Lines vor, die Tarantino ihm auf den Leib geschrieben hat – er geht komplett in der Rolle auf. Tarantino holt das Beste aus diesem Schauspieler heraus, der im Laufe seines Lebens kein glückliches Händchen bei der Wahl seiner Rollen hatte.

Superhelden-Quatschkram

Christian kritisiert die Superman-Interpretation von Bill. Bill sagt das Superman die wahre Identität ist und Clark Kent das Kostüm – Supermans Kritik an der Menschheit. Christian legt Wert darauf, dass Superman eine Dreifach-Identität hat: Hinzu kommt noch Kal-El, die Geburtsidentität. Clark Kent wiederum ist die Identität, in der Superman aufwächst. Superman ist die Symbiose seiner Veranlagung (Kal-El) und seiner Erziehung (Clark Kent). Arne wendet ein, dass es verschiedene Inkarnationen von Superman gibt. Manche, die eher zu Christians Lesart passen, aber auch andere, die eher zu Bills sich passen.

Pai Mei

Unabhängig vom Superhelden-Quatschkram bringt Tarantino mit Pai Mei wieder das Comic-hafte in den Film. Die komplette Sequenz ist so abgehoben, dass man sich vorstellen kann, dass Pai Mei tatsächlich nur die Legende ist, von der Bill zu Beginn der Sequenz erzählt.

Easter Eggs & Tarantinos Universum

Zitate und Referenzen in Kill Bill: Vol. 2

Die Rezeption von Kill Bill 2

Der Film spielte 153 Mio weltweit ein. Beide Filme zusammen also 334 Mio bei 52 Mio Budget. The Whole Bloody Affair wurde damals in Cannes gezeigt. Beim ersten Testscreening in Austin, Texas bekam Kill Bill 2 fünf Minuten lange Standing Ovations. Die Reaktion war so beeindruckend, dass Harvey Weinstein darauf verzichtete, die Zuschauer den obligatorischen Fragebogen ausfüllen zu lassen.

Uma Thurman und Daryl Hannah konnten sich nicht ausstehen. Bei der Promo-Tour wurde streng darauf geachtet, dass die beiden in Hotels und Kinos sich nicht begegnen müssen. In Cannes gab es getrennte Bereiche für die beiden bei der After-Show-Party und als sie bei den  MTV Movie Awards 2005 in der Kategorie “Best Fight” gewannen, ging nur Hannah hin.

Tarantino  hat wiederholt angekündigt, dass es einen Teil 3 geben soll.

Preise & Bestenlisten von Kill Bill 2

Lesenswert

The End.

SF89 – We need to talk about Kevin (feat. Patrick)

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Elternangst
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Horror

Straight to Hell

Grenzdebil grinsend lauschten wir gemeinsam mit Patrick aus dem Bahnhofskino dem grandioser Soundtrack von Cannibal Holocaust während uns die Weltwirtschaftskrise ein Drittel des Podcasts kaputtmachte. Während wir Elternängste in Film transpirierten, stritten wir uns, wie unzuverlässig erzählt dieser Horrorfilm ist. Mit anderen Worten: Wir haben über Kevin gesprochen.

Vorgeplänkel

Zu Gast ist der großartie Patrick vom BahnhofskinoDie Wundertüte hat sich gewünscht, dass wir sie vorstellen ♦ Wir woanders: Daniel sprach in der Second Unit mit Christian und Tamino über den dritten Harry-Potter-Film ♦ Patrick darf den Proust-Fragebogen beantworten

Die Eckdaten von We need to talk about Kevin

Erscheinungsjahr: 2011
Regie: Lynne Ramsay
– Filmographie:
1999
Ratcatcher
2002 Morvern Callar
2011 We Need to Talk About Kevin
Budget: 7 Mio $
Kameramann: Seamus McGarvey
Besetzung: Tilda Swinton (Eva Khatchadourian), Ezra Miller (Kevin Khatchadourian), John C. Reilly (Franklin), Jasper Newell (Kevin, sechs bis acht Jahre)
Genre: Horror, Drama, Psychothriller, Monsterfilm, Psychological Horror

Die Produktion von We Need to Talk About Kevin

Der Film basiert auf einem Roman von Lionel Shriver. Das Buch ist ein Briefroman aus der Sicht von Eva. We Need to Talk About Kevin brauchte sehr lange, um entwickelt zu werden. Die Planungen begannen bereits 2005 damit, dass die BBC die Rechte am Roman erwarb. Die lange Produktionszeit hatte verschiedene Gründe. Einerseits erlebte Ramsay persönliche Krisen als erst ihr Vater und dann ihre beste Freundin starben. Aber auch die Finanzierung erwies sich als schwierig. Das sieht man schon daran, dass insgesamt 12 Produktionsfirmen an der Produktion beteiligt waren.

Die Entscheidung, den Film in den USA zu drehen, brach dem Projekt fasst das Rückgrat als die Weltwirtschaftskrise ausbrach. Denn das Britische Pfund verlor in der Zeit so sehr an Wert, dass der von britischen Studios finanzierte Film während der Dreharbeiten faktisch 1/3. seines Budgets einbüßte.

Das Team hatte so wenig Geld, dass sich Ramsay und ihr Mann und Drehbuchautor Rory Stewart Kinnear vor Drehbeginn keine Unterkunft in New York leisten konnten, wo sie die Dreharbeiten mit Kameramann Seamus McGarvey planen wollten. Daher quartierten sie sich vier Wochen lang in der Wohnung des Kameramanns ein.

Ein weiterer Faktor, der die Produktion verlängerte, war Ezra Millers Alter: Miller war beim Dreh erst 17, er hatte beim Casting aber gelogen und gesagt, dass er bereits 18 ist. Als dann sein wahres Alter herauskam, mussten die strengeren Regeln für minderjährige Schauspieler eingehalten werden. Lynne Ramsay sagte im Interview, sie hätte den Schauspieler am liebste umgebracht, weil das Projekt so auf Kante genäht war, dass sie sich eigentlich keine weiteren Drehtage leisten konnten, aber durch Miller verloren sie an jedem Drehtag zwei Stunden, die sie eingeplant hatten.

Hingegen nahm sich Ramsay die Zeit, um den Film überwiegend chronologisch zu drehen. Das war ihr wichtig, um den Schauspielern gewissermaßen das Erlebnis zu geben, mit Kevin aufzuwachsen. Ramsay lässt ihre Schauspieler bewusst viel improvisieren. Ihre Schauspielerführung ist dadurch geprägt, dass sie die Kamera sehr lange laufen lässt und ihre Schauspieler lange Szenen spielen lässt,immer darauf wartend, ob die Schauspieler etwas interessantes improvisieren, das sie dann in den fertigen Film übernimmt.

So war der Aspekt, dass Eva und Kevin immer gegenseitig ihre Körpersprache imitieren, eine Idee von Miller und Swinton. Den Kinderspauspielern gab Ramsay kein ganzes Skript, sondern erklärte ihnen morgens, was sie heute machen. Nach ihrer eigenen Aussage, sorgt das dafür, dass bei den Kindern die Motivation hoch bleibt.

Filmisches Erzählen

Die erste Szene & der audiovisuelle Stil

Die erste Szene zeigt zunächst eine Terassentür mit einem wehenden Vorhang davor. Das nächste Bild ist Tilda Swinton (Eva) komplett mit roter Farbe (Tomatensaft) übergossen aber überglücklich. Wie wir im Laufe es Films lernen sind dies der schrecklichste und der glücklichste Moment in Evas Leben. Zugleich ist sie im Moment ihres größten Glücks mit roter Farbe übergossen – Rot steht in diesem Film immer wieder für die Schuld, die Eva sich an der Tat Kevins gibt.

In einer späteren Szene flüchtet sich Eva im Supermarkt vor ein Regal mit lauter Tomatendosen. Hiermit wird nicht nur Andy Warhol zitiert, sondern zugleich flüchtet sich Eva in ihre glücklichste Erinnerung, zugleich wird sie wieder vom Rot geplagt. Neben Rot ist Gelb die zweite dominante Farbe des Films. Man könnte beide Farben so lesen, dass Rot für Kevin steht und Gelb für Evas Tochter Celia. Und das Rot greift immer wieder auf das Gelb über.

Insgesamt hat We Need To Talk About Kevin eine sehr beeindruckende Audiovisualität. So werden zum Beispiel kleine Geräusche, wie das Kratzen am Haar, das Dribbeln eines Basketballs oder ein Ventilator werden unnatürlich laut wiedergegeben. Begleitet wird dies von vielen Detailaufnahmen.

Zeitsprünge

Der Film springt immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Dies führt zu einer Orientierungslosigkeit für die Zuschauerinnen. Die Romanvorlage ist ein Briefroman, dies wird durch das unchronologische Erzählen in Medium des Films übersetzt. Im Roman schreibt Eva Briefe an ihren Mann und die Tochter – erst am Ende kommt raus, dass die beiden tot sind. Im Film wird dies aufgegriffen durch eine Szene, die andeutet, dass Kevins Eltern sich trennen wollen. Die Zeitsprünge sorgen zudem für einen besonderen Spannungsbogen: Der Amoklauf wird durch Szenen unmittelbar nach der Tat immer wieder angeteasert. Aber die Spannung wird dennoch dadurch aufrecht erhalten, dass ersat am Ende herauskommt, dass auch Vater und Schwester von Kevin durch seine Hand starben.

Unzuverlässige Erzählerin

Wir waren uns bei der Besprechung uneins über die Interpretation. Paula stellte die Theorie vor, dass die Sprünge in die Vergangenheit Evas Erinnerungen sind, die uns unzuverlässig präsentiert werden. Diese Szenen zeigen eine unzuverlässige Erzählung dahingehend, dass sie von Evas Schuldgefühl so verzerrt werden, dass sie lauter Anzeichen zeigen, von denen Eva glaubt, das sie auf den Amoklauf vordeuteten.

Daniel ergänzt, dass alle Szenen aus der Gegenwart nur dazu da sind Eva maximales Schuldgefühl zu zeigen. Diese Szenen zeigen Eva immer maximal demütig. Die Szenen in der Vergangenheit zeigen dann entweder Kevin als durchtriebenes, böses Kind oder Szenen, von denen Eva, dass sie Kevin zu dem gemacht hat, was er wurde.

Obendrein ist Evas Mann unrealistisch naiv und nimmt keine einzige Warnung seiner Frau ernst. Dies sind neben einigen anderen Szenen, so ergänzt Paula, die zeigen, das Eva mit ihren Sorgen von anderen alleine gelassen werden.

In den vielen Detailshots gibt es immer wieder Hinweise, dass das, was wir zu sehen bekommen, nicht die ganz Wahrheit ist. Zum Beispiel deutet die Szene mit dem Marmeladenbrot auf eine Verwarlosung und Vernachlässigung des Kindes hin. Außerdem leben die Protagonisten in einer Wohnung, in der die Hälfte der Regale leer ist.

Horrorfilm

Patrick hält die These entgegen, dass wir einen reinrassigen Horrorfilm sehen. Er zeigt uns Eva immer in den für sie maximal negativsten Licht. Von 16 Jahren sehen wir nur wenige Tage. Er glaubt aber, dass das, was wir sehen in der filmischen Welt wirklich geschehen ist und führt an, dass es keine Auflösung am Ende gibt, die die Erzählung als eindeutig unzuverlässig kennzeichnet. Der Film wählt Szenen aus um einen maximalen Effekt des Horrors darzustellen.

Als Drama würde Kevin überhaupt nicht funktionieren, da er keinerlei Auflösung oder Karthasis bietet. Stattdessen ist er geprägt von visuellen Mitteln des Horrorfilms – etwa die leeren Regale, vertäfelten Wände etc. Sie bedrücken Eva und machen sie klein. Paula ergänzt hier, dass die Ameisen aus der Marmeladenbrotszene traditionelle Boten des Todes sind.

Paula bietet die Synthese an, dass der Film sowohl Drama als auch Horror ist. Das Drama ist folgendes: Eva wird in die Rolle der Mutter gezwungen. Sie kann daher ihrem Kind keine Liebe geben und entsprechend bekommt sie von ihm nur Hass zurück.

Doch Daniel pflichtet Patrick bei, dass der Film nicht genug Argumente bringt, um die von Paula skizzierte Debatte über Nature vs. Nurture zu führen. Dafür ist er zu sehr ein Horrorfilm. Patrick nennt ihn ein Quasi-Sequel zu Rosemary’s Baby. Er verweist darauf, dass alle drei Wohnungen des Films, (das Loft, das Anwesen und die Hütte) vollkommen unwirklich sind. Es ist eine komplett fantastische Welt.

Szenen, die rausfallen

Es gibt einige Szenen, die in keine unserer beiden Interpretationen passen: Die Szene mit dem Jungen im Rollstuhl, die Szene auf dem Minigolfplatz oder Kevins Fernsehinterview. Patrick sieht dies als Argumente an, die gegen die subjektive Erzählweise sprechen. Daniel glaubt eher, dass es Schwächen in der Inszenierung sind, in denen Lynne Ramsay bei all ihrem Talent der letzte Schliff fehlt.

Die Rezeption von We need to talk about Kevin

Der Film spielte weltweit 10,8 Mio $ ein. Wegen des Attentats von Anders Breivik wurde der Filmstart in Norwegen um ein halbes Jahr verschoben.

Preise & Bestenlisten

  • Bei den British Independent Film Awards 2011 erhielt er die Auszeichnung als bester Film
  • Bei den Evening Standard British Film Awards 2011 wurde WNTTAK als bester Film ausgezeichnet
  • Bei den London Critic’s Circle Film Awards wurde Kevin als bester britischer Film ausgezeichnet.
  • Tilda Swinton gewann unter anderem den Europäischen Filmpreis 2011 in der Kategorie beste Darstellerin sowie bei den Online Film Critics Society Awards in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin.
  • Die Alliance of Women Film Journalists 2012 zeichnete Ramsay als beste Regisseurin aus
  • Writer’s Guild of Great Britain kührte das Drehbuch 2012 als bestes Drehbuch

Lesenswert & Sehenswert

The End.