SF89 – We need to talk about Kevin (feat. Patrick)

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unzuverlässig erzählt
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Elternangst
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Horror

Straight to Hell

Grenzdebil grinsend lauschten wir gemeinsam mit Patrick aus dem Bahnhofskino dem grandioser Soundtrack von Cannibal Holocaust während uns die Weltwirtschaftskrise ein Drittel des Podcasts kaputtmachte. Während wir Elternängste in Film transpirierten, stritten wir uns, wie unzuverlässig erzählt dieser Horrorfilm ist. Mit anderen Worten: Wir haben über Kevin gesprochen.

Vorgeplänkel

Zu Gast ist der großartie Patrick vom BahnhofskinoDie Wundertüte hat sich gewünscht, dass wir sie vorstellen ♦ Wir woanders: Daniel sprach in der Second Unit mit Christian und Tamino über den dritten Harry-Potter-Film ♦ Patrick darf den Proust-Fragebogen beantworten

Die Eckdaten von We need to talk about Kevin

Erscheinungsjahr: 2011
Regie: Lynne Ramsay
– Filmographie:
1999
Ratcatcher
2002 Morvern Callar
2011 We Need to Talk About Kevin
Budget: 7 Mio $
Kameramann: Seamus McGarvey
Besetzung: Tilda Swinton (Eva Khatchadourian), Ezra Miller (Kevin Khatchadourian), John C. Reilly (Franklin), Jasper Newell (Kevin, sechs bis acht Jahre)
Genre: Horror, Drama, Psychothriller, Monsterfilm, Psychological Horror

Die Produktion von We Need to Talk About Kevin

Der Film basiert auf einem Roman von Lionel Shriver. Das Buch ist ein Briefroman aus der Sicht von Eva. We Need to Talk About Kevin brauchte sehr lange, um entwickelt zu werden. Die Planungen begannen bereits 2005 damit, dass die BBC die Rechte am Roman erwarb. Die lange Produktionszeit hatte verschiedene Gründe. Einerseits erlebte Ramsay persönliche Krisen als erst ihr Vater und dann ihre beste Freundin starben. Aber auch die Finanzierung erwies sich als schwierig. Das sieht man schon daran, dass insgesamt 12 Produktionsfirmen an der Produktion beteiligt waren.

Die Entscheidung, den Film in den USA zu drehen, brach dem Projekt fasst das Rückgrat als die Weltwirtschaftskrise ausbrach. Denn das Britische Pfund verlor in der Zeit so sehr an Wert, dass der von britischen Studios finanzierte Film während der Dreharbeiten faktisch 1/3. seines Budgets einbüßte.

Das Team hatte so wenig Geld, dass sich Ramsay und ihr Mann und Drehbuchautor Rory Stewart Kinnear vor Drehbeginn keine Unterkunft in New York leisten konnten, wo sie die Dreharbeiten mit Kameramann Seamus McGarvey planen wollten. Daher quartierten sie sich vier Wochen lang in der Wohnung des Kameramanns ein.

Ein weiterer Faktor, der die Produktion verlängerte, war Ezra Millers Alter: Miller war beim Dreh erst 17, er hatte beim Casting aber gelogen und gesagt, dass er bereits 18 ist. Als dann sein wahres Alter herauskam, mussten die strengeren Regeln für minderjährige Schauspieler eingehalten werden. Lynne Ramsay sagte im Interview, sie hätte den Schauspieler am liebste umgebracht, weil das Projekt so auf Kante genäht war, dass sie sich eigentlich keine weiteren Drehtage leisten konnten, aber durch Miller verloren sie an jedem Drehtag zwei Stunden, die sie eingeplant hatten.

Hingegen nahm sich Ramsay die Zeit, um den Film überwiegend chronologisch zu drehen. Das war ihr wichtig, um den Schauspielern gewissermaßen das Erlebnis zu geben, mit Kevin aufzuwachsen. Ramsay lässt ihre Schauspieler bewusst viel improvisieren. Ihre Schauspielerführung ist dadurch geprägt, dass sie die Kamera sehr lange laufen lässt und ihre Schauspieler lange Szenen spielen lässt,immer darauf wartend, ob die Schauspieler etwas interessantes improvisieren, das sie dann in den fertigen Film übernimmt.

So war der Aspekt, dass Eva und Kevin immer gegenseitig ihre Körpersprache imitieren, eine Idee von Miller und Swinton. Den Kinderspauspielern gab Ramsay kein ganzes Skript, sondern erklärte ihnen morgens, was sie heute machen. Nach ihrer eigenen Aussage, sorgt das dafür, dass bei den Kindern die Motivation hoch bleibt.

Filmisches Erzählen

Die erste Szene & der audiovisuelle Stil

Die erste Szene zeigt zunächst eine Terassentür mit einem wehenden Vorhang davor. Das nächste Bild ist Tilda Swinton (Eva) komplett mit roter Farbe (Tomatensaft) übergossen aber überglücklich. Wie wir im Laufe es Films lernen sind dies der schrecklichste und der glücklichste Moment in Evas Leben. Zugleich ist sie im Moment ihres größten Glücks mit roter Farbe übergossen – Rot steht in diesem Film immer wieder für die Schuld, die Eva sich an der Tat Kevins gibt.

In einer späteren Szene flüchtet sich Eva im Supermarkt vor ein Regal mit lauter Tomatendosen. Hiermit wird nicht nur Andy Warhol zitiert, sondern zugleich flüchtet sich Eva in ihre glücklichste Erinnerung, zugleich wird sie wieder vom Rot geplagt. Neben Rot ist Gelb die zweite dominante Farbe des Films. Man könnte beide Farben so lesen, dass Rot für Kevin steht und Gelb für Evas Tochter Celia. Und das Rot greift immer wieder auf das Gelb über.

Insgesamt hat We Need To Talk About Kevin eine sehr beeindruckende Audiovisualität. So werden zum Beispiel kleine Geräusche, wie das Kratzen am Haar, das Dribbeln eines Basketballs oder ein Ventilator werden unnatürlich laut wiedergegeben. Begleitet wird dies von vielen Detailaufnahmen.

Zeitsprünge

Der Film springt immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Dies führt zu einer Orientierungslosigkeit für die Zuschauerinnen. Die Romanvorlage ist ein Briefroman, dies wird durch das unchronologische Erzählen in Medium des Films übersetzt. Im Roman schreibt Eva Briefe an ihren Mann und die Tochter – erst am Ende kommt raus, dass die beiden tot sind. Im Film wird dies aufgegriffen durch eine Szene, die andeutet, dass Kevins Eltern sich trennen wollen. Die Zeitsprünge sorgen zudem für einen besonderen Spannungsbogen: Der Amoklauf wird durch Szenen unmittelbar nach der Tat immer wieder angeteasert. Aber die Spannung wird dennoch dadurch aufrecht erhalten, dass ersat am Ende herauskommt, dass auch Vater und Schwester von Kevin durch seine Hand starben.

Unzuverlässige Erzählerin

Wir waren uns bei der Besprechung uneins über die Interpretation. Paula stellte die Theorie vor, dass die Sprünge in die Vergangenheit Evas Erinnerungen sind, die uns unzuverlässig präsentiert werden. Diese Szenen zeigen eine unzuverlässige Erzählung dahingehend, dass sie von Evas Schuldgefühl so verzerrt werden, dass sie lauter Anzeichen zeigen, von denen Eva glaubt, das sie auf den Amoklauf vordeuteten.

Daniel ergänzt, dass alle Szenen aus der Gegenwart nur dazu da sind Eva maximales Schuldgefühl zu zeigen. Diese Szenen zeigen Eva immer maximal demütig. Die Szenen in der Vergangenheit zeigen dann entweder Kevin als durchtriebenes, böses Kind oder Szenen, von denen Eva, dass sie Kevin zu dem gemacht hat, was er wurde.

Obendrein ist Evas Mann unrealistisch naiv und nimmt keine einzige Warnung seiner Frau ernst. Dies sind neben einigen anderen Szenen, so ergänzt Paula, die zeigen, das Eva mit ihren Sorgen von anderen alleine gelassen werden.

In den vielen Detailshots gibt es immer wieder Hinweise, dass das, was wir zu sehen bekommen, nicht die ganz Wahrheit ist. Zum Beispiel deutet die Szene mit dem Marmeladenbrot auf eine Verwarlosung und Vernachlässigung des Kindes hin. Außerdem leben die Protagonisten in einer Wohnung, in der die Hälfte der Regale leer ist.

Horrorfilm

Patrick hält die These entgegen, dass wir einen reinrassigen Horrorfilm sehen. Er zeigt uns Eva immer in den für sie maximal negativsten Licht. Von 16 Jahren sehen wir nur wenige Tage. Er glaubt aber, dass das, was wir sehen in der filmischen Welt wirklich geschehen ist und führt an, dass es keine Auflösung am Ende gibt, die die Erzählung als eindeutig unzuverlässig kennzeichnet. Der Film wählt Szenen aus um einen maximalen Effekt des Horrors darzustellen.

Als Drama würde Kevin überhaupt nicht funktionieren, da er keinerlei Auflösung oder Karthasis bietet. Stattdessen ist er geprägt von visuellen Mitteln des Horrorfilms – etwa die leeren Regale, vertäfelten Wände etc. Sie bedrücken Eva und machen sie klein. Paula ergänzt hier, dass die Ameisen aus der Marmeladenbrotszene traditionelle Boten des Todes sind.

Paula bietet die Synthese an, dass der Film sowohl Drama als auch Horror ist. Das Drama ist folgendes: Eva wird in die Rolle der Mutter gezwungen. Sie kann daher ihrem Kind keine Liebe geben und entsprechend bekommt sie von ihm nur Hass zurück.

Doch Daniel pflichtet Patrick bei, dass der Film nicht genug Argumente bringt, um die von Paula skizzierte Debatte über Nature vs. Nurture zu führen. Dafür ist er zu sehr ein Horrorfilm. Patrick nennt ihn ein Quasi-Sequel zu Rosemary’s Baby. Er verweist darauf, dass alle drei Wohnungen des Films, (das Loft, das Anwesen und die Hütte) vollkommen unwirklich sind. Es ist eine komplett fantastische Welt.

Szenen, die rausfallen

Es gibt einige Szenen, die in keine unserer beiden Interpretationen passen: Die Szene mit dem Jungen im Rollstuhl, die Szene auf dem Minigolfplatz oder Kevins Fernsehinterview. Patrick sieht dies als Argumente an, die gegen die subjektive Erzählweise sprechen. Daniel glaubt eher, dass es Schwächen in der Inszenierung sind, in denen Lynne Ramsay bei all ihrem Talent der letzte Schliff fehlt.

Die Rezeption von We need to talk about Kevin

Der Film spielte weltweit 10,8 Mio $ ein. Wegen des Attentats von Anders Breivik wurde der Filmstart in Norwegen um ein halbes Jahr verschoben.

Preise & Bestenlisten

  • Bei den British Independent Film Awards 2011 erhielt er die Auszeichnung als bester Film
  • Bei den Evening Standard British Film Awards 2011 wurde WNTTAK als bester Film ausgezeichnet
  • Bei den London Critic’s Circle Film Awards wurde Kevin als bester britischer Film ausgezeichnet.
  • Tilda Swinton gewann unter anderem den Europäischen Filmpreis 2011 in der Kategorie beste Darstellerin sowie bei den Online Film Critics Society Awards in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin.
  • Die Alliance of Women Film Journalists 2012 zeichnete Ramsay als beste Regisseurin aus
  • Writer’s Guild of Great Britain kührte das Drehbuch 2012 als bestes Drehbuch

Lesenswert & Sehenswert

The End.

 

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