SF20 – Vertigo

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Verkannter Regisseur

One doesn’t often get a second chance

In Grün gewandet, spiegeln wir die Obsessionen des Vertigo-Effekts wieder. Ohne BH und Tom Cruise gefällt uns Vertigo besser als Platten-Pedro Pulp Fiction. Viel Spaß beim 20. Spätfilm: Mit fünf verlorenen Hitchcocks, nerdigen Hobbys, Loriot-Sketchen in fünf Sätzen und einem neuen Spitzenreiter in unserer Vertung.

Eckdaten

Regie: Alfred Hitchcock
Erscheinungsjahr: 1958
Schauspieler: James Stewart, Kim Novak
Budget: 2,5 Mio $
Genre: Thriller, Mystery, Liebesfilm

Vorgeplänkel und Offtopic

Hitchcock

Paula erzählte uns ein paar Funfacts aus Hitchs Leben. Daniel hatte ein besseres Gedächtnis, als er selbst glaubte, denn der Film wurde tatsächlich 1895 erfunden.

Die Produktion von Vertigo

Der Film ist weitestgehend an Originalschauplätzen gedreht worden. Normalerweise mochte Hitch das nicht, da er dann die Bedingungen nicht genug kontrollieren konnte. Das zeigte sich etwa auch in der Museumsszene. Für diese Szene brauchte Hitch eine Woche, weil ihm das Licht nie gefiel.

Die Szene in der Madeline vermeintlich und Judy tatsächlich in dern Tod stürzen, spielt in San Juan Bautista. Sie wurde ebenfalls ‘on location’ gedreht. Allerdings stand der Kirchturm zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nicht mehr. Er war gerade abgerissen worden und musste später in das Bild des Films reinretouschiert werden.

Hitch haderte mit Novaks Schauspielkunst. Um sie darin zu “unterstützen”, trug Kim Novak als Madeline immer sehr strenge, unbequeme Kostüme. Als Judy hatte sie hingegen keinen BH an, damit sie sich entsprechend mal verkrampfter, mal lockerer geben konnte.

Hitch haderte mit der Briefszene, in der Judy dem Publikum schon nach 2/3. des Films die Lösung verrät. Hitch wollte sie sogar rausnehmen, aber der Studioleiter der Paramount Pictures sprach ein Machtwort und die Szene blieb drin.

Es gab ein alternatives Ende wegen des Hays Code. In diesem Ende hört man, dass der Antagonist Elster verhaftet wurde. Nach dem Hays Code durfte kein Verbrechen ungesühnt bleiben.

Der Vertigo-Effekt

Der Vertigo-Effekt ist ein sogenannter “Dolly-Zoom” Hierbei fährt die Kamera auf einem Dolly (Wagen) das Objekt zu, während gleichzeitig herausgezoomt wird. Es geht natürlich auch genau andersherum. Das führt dann dazu, dass entweder der Vordergrund optisch heranrückt und der Hintergrund zurückweicht oder umgekehrt. In Vertigo wurde der Effekt erstmals verwendet, um Scottys Schwindelgefühl darzustellen.

Um die Szene drehen zu können, wurde das Treppenhaus des Turms als Modell in liegender Position nachgebaut und die Kamera fuhr auf einer Schiene das Treppenhaus “herunter”. Das Anspruchsvolle am Dolly-Zoom ist, dass Kamerafahrt und Zoom synchron ablaufen müssen. Irmin Roberts, dem zweiten Kameramann gelang das Kunststück. Roberts wurde dennoch nicht einmal im Abspann von Vertigo erwähnt.

Hier der erwähnte Supercut:

YoutubeUnd hier die im Podcast angesprochene Szene aus Psycho:

Video auf Youtube

Filmisches Erzählen in Vertigo

Hitchcocks Cameo

Hitchs Cameo ist ziemlich am Anfang, wenn Scotty zu Elster geht:

YoutubeDie Bildsprache und der Farbcode

Hitch benutzt verschiedene Bilder um verschiedene Motive des Films zu symbolisieren. So werden immer wieder prominent Spiralen eingesetzt, die für Scottys Höhenangst symbolisieren, aber auch das Uneindeutige und Verwirrende seiner Situation und nicht zuletzt seine Obsession für Madeline. Er muss in Gedanken immer wieder zu ihr zurückkehren.

In der ersten Hälfte des Films manipuliert uns Hitch, indem er Madeline ständig in ein Totengrün steckt, sodass wir verleitet werden, tatsächlich zu glauben, dass sie von einem Geist besessen ist. Das doppelte Spiel von Madeline alias Judy wird uns durch ein gegensätzliches Symbol offenbart: Unzählige Spiegel deuten voraus, sodass Judy/Madeline oft zweimal im Bild zu sehen ist.

Verschiedene Interpretationen von Vertigo

Vertigo ist sicher unter anderem deshalb bei den Kritikern so beliebt, weil er so viele verschiedene Interpretationen zulässt. Hier einige Interpretationen auf die wir stießen:

In Alfred Hitchocks klassischem Thriller wird die obszessive Liebe eines Mannes zugleich zum filmtheoretischen Diskurs über den Widerstreit von Illusion und Realität.

Michael Kohler: Vertigo

“Scottie’s moulding of Judy imitates Hitchcock’s own sadistic treatment of actors, directly mirroring his trademark production of fetishised cool blondes.”

The Guardian

  • Hitch selbst sagte, es ginge um Nekrophilie. Scotty möchte mit einer Toten schlafen und das Verwandeln von Judy sei eine Metapher fürs Ausziehen.

Der Twist und Suspense

Spannend ist der Twist nach zwei Dritteln des Films. In dem Judy, nachdem sie die vierte Wand kurz durchbricht und den Zuschauer direkt anblickt, gesteht, dass sie in Wirklichkeit Madeline ist. Hitch erläuterte im Interview, warum das Geheimnis schon so früh gelüftet wird. Es geht natürlich wieder einmal darum, den Suspense zu steigern. Er vergleicht die Szene mit einer Bombe:

And we come to our old analogy of the bomb: you and I sit talking and there’s a bomb in the room. We’re having a very innocuous conversation about nothing. Boring. Doesn’t mean a thing. Suddenly, boom! the bomb goes off and they’re shocked – for fifteen seconds. Now you change it. Play the same scene, insert the bomb, show that the bomb is placed there, establish that it’s going to go off at one o’clock – it’s now a quarter of one, ten of one–show a clock on the wall, back to the same scene. Now our conversation becomes very vital, by its sheer nonsense. “Look under the table! You fool!” Now they’re working for ten minutes, instead of being surprised for fifteen seconds.

Hitch im Interview mit Peter Bogdanovich, zitiert nach Classic Films Reloaded.

Die Rezeption von Vertigo

Im Kino war Vertigo eher ein Misserfolg, da er bloß die Produktionskosten wiedereinspielte aber keinen Gewinn machte. Bei der Originalaufführung erhielt er auch nur durchwachsene Kritiken. Hitch selbst schob das schlechte Abschneiden des Films auf Stewarts Alter und arbeitete nie wieder mit ihm zusammen.

Hitchcock erwarb die Rechte in den 70ern und beschloss, Vertigo neben “Cocktail für eine Leiche“, “Das Fenster zum Hof“, “Immer Ärger mit Harry” und “Der Mann, der zuviel wusste” seiner Tochter zu vererben. Diese Filme nannte man die “Fünf verlorenen Hitchcocks”. Daher wurde Vertigo erst 1983 wieder gezeigt, was sicher zu seinem Ruhm beitrug, denn ab 1983 wurde er als Meisterwerk gefeiert.

Auszeichnungen und Bestenlisten

  • 1988 wurde Vertigo in das National Film Registry der Library of Congress aufgenommen.
  • 2003 wurde er in den Filmkanon der Bundeszentrale für politische Bildung aufgenommen als ein Film, der im Schulunterricht gezeigt werden sollte.
  • Die britische Zeitschrift Sight & Sound wählt alle zehn Jahre den besten Filmen aller Zeiten. Dort wurde Vertigo 2012 von mehr als 800 Filmkritikern zum ersten Mal vor Citizen Kane zum besten Film gewählt.
  • In der AFI-Top-100-Liste von 2007 ist er auf Platz 7
  • Bei AFI’s 10 besten Mystery-Filme auf Platz 1
  • Bei AFI’s 100 Years…100 Thrills  auf Platz 18
  • Bei AFI’s 100 Years of Film Scores ist die Filmmusik auf Platz 12
  • Bei AFI’s 100 Years…100 Passions  ist Vertigo auf Platz 18

Zitate unr Referenzen

Wir brauchen sicher gar nicht erst erwähnen, dass Vertigo unzählige Male zitiert wurde. Natürlich erhielt er auch den Ritterschlag durch die Simpsons:

Youtube

Spannend ist, dass Brian De Palma ein großer Vertigo-Fan ist und den Film unzählige Male zitiert hat. Er hat unter anderem zwei Variationen des Themas gedreht: Schwarzer Engel von 1976 und Der Tod kommt zweimal von 1984.

Weitere Vertigo-Zitate und Referenzen finden sich in:

 Lesenswert

The End.

4 Gedanken zu „SF20 – Vertigo

  1. jacker

    Hi ihr zwei!

    Hab euch jetzt zum zweiten mal gehört und komme direkt mal eurer Bitte nach feedback nach 🙂
    Irgendwie fand sich plötzlich eure letzte Sendung in meinem Podcatcher (ich glaube ich hab in nem anderen cast oder den Kommentaren dazu von euch gehört/gelesen) und die hat mir bereits gut gefallen (die 20minütigen fünf Sätze waren doch okay). Jetzt hab ich die aktuelle Folge gehört und habe eigentlich nur Lob zu verteilen! Zum einen sprecht ihr in angenehmem Tempo, dazu absolut strukturiert und inhaltlich ist das alles super vorbereitet und liefert reichlich interessantes Hintergrundwissen um den Film und die beteiligten herum. Werde jetzt erstmal durch das Archiv stöbern und schauen was ihr noch so für Filme besprochen habt..
    Was ich allerdings verrückt finde: eine score zwischen 1 und 100 für den Film zu verteilen. Mir fällt 0-10 schon schwer genug!

    Der Feed bleibt abonniert!

    Greets, jacker

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    1. Daniel Beitragsautor

      Uiuiuiui, bei so viel Lob werde ich ja ganz rot. Paula und ich haben auf deinen Kommentar hin erst einmal mit Champagner angestoßen. Zu unseren Charts: 0-10 Punkte sind viel zu undifferenziert! Beispielsweise ist Fargo besser als eine 8 aber kommt nicht an eine 9 heran. Die 9 hätte ich aber schon drei Mal vergeben müssen, was dem Außergewöhnlichen an dem Ereignis einfach nicht gerecht würde! Na ja und im Endeffekt ist das eh alles Willkür… =)

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      1. jacker

        Und gabs Moet, oder doch Dom Pérignon? 😉
        Feedback immer gern, ich freu mich ja auch wenn ich mal nen Kommi zu nem Blog-Post bekomme!

        Thema Zahlen-Willkür: Mir fällt das ebenfalls wesentlich leichter meine Wertschätzung (bzw. Enttäuschung) für einen Film in Worten statt Zahlen auszudrücken. Zahlen-Bewertungssysteme legt ja auch jeder anders aus, manche machen sich nen Katalog an Qualitäten, andere sehen eher ein Gesamtwerk, etc. Bei mir ist das eher so eine “6P war gut, einmal gucken reicht aber, 7P würde ich wieder schauen, aber nicht unbedingt direkt morgen, 8P würde ich jederzeit wiederschauen, 9P will ich direkt nochmal schauen und tu es innerhalb von Tagen/Wochen, 10P waren ein emotional unvergessliches Erlebnis”-Skala. Unter 6P wirds dann aber irgendwie auch schwammig. Allerdings hab ich eh das Gefühl im Vergleich zu vielen geize ich mit Punkten nicht und sehe eher Stärken der Filme 🙂

        Beim Stöbern gestern ist mir nun auch wieder aufgefallen wie ich zu eurem Cast gekommen bin – das Podwichteln war es!

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  2. Pingback: SF20 – Vertigo | Privatsprache

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