SF19 – Fargo

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Verkannter Regisseur

He was a little guy. Kinda funny lookin’

Und es begab sich zum einjährigen Jubiläumsspecial, dass Paula und Daniel mal wieder in die 90er reisten ins verschneite Minnesota mit seinen funny lookin’ Regisseuren, seinem künstlichen Schnee, mit zweckentfremdeten Holzhäckslern, mit märchenhaften Holzfällern, die zu weit gehen und mit Hero, Nemesis, Reflection und Romance.

Eckdaten

Erscheinungsjahr: 1996
Gerne: Krimi, schwarze Komödie
Schauspieler: Frances McDormand, Peter Stormare, Steve Buscemi, William H. Macy
Budget: 7 Mio $$
Regie: Joel Coen
Filmografie der Coen Brothers (Auswahl):

Die Produktion von Fargo

Es wurde keine einzige Szene tatsächlich in Fargo gedreht. Als der Film gedreht wurde, war es der zweitwärmste Winter binnen 100 Jahren. Daher musste die Crew viel herumfahren, um genug schneebedeckte Sets zu finden. Teilweise drehten sie daher sogar in Kanada. Teilweise haben sie natürlich auch künstlichen Schnee eingesetzt.

Frances McDormand, die die Marge spielt, ist die Ehefrau von Joel Coen. Frances McDormand trug ein „Schwangerschaftskissen gefüllt mit Vogelfutter. Sie sagte, sie hätte gar nicht versucht, sich besonders schwanger zu bewegen, das wäre durch das Gewicht von alleine gekommen.

Filmisches Erzählen in Fargo

Film Noir

Ist Fargo ein Film Noir? An vielen Stellen wird Fargo als Film Noir bezeichnet. Wir sind uns da nicht so sicher. Kriterien für einen Film Noir sind:

  • Ein Kriminalfilm
  • Der Ermittler ist ein einsamer Wolf
  • Der Ermittler ist ein Antiheld
  • Es gibt eine Femme Fatale
  • Eine Liebesaffäre
  • Zumeist ein urbanes Setting
  • Oft werden Rückblenden und Voice Over verwendet
  • Oft wird der Film aus der Perspektive des Protagonisten erzählt
  • Low-Key-Beleuchtung
  • Starke Kontraste
  • Ungewöhnliche und verzerrende Kameraperspektiven
  • Zynische Weltsicht

Viele dieser Kriterien treffen auf Fargo nicht zu.

Die Exposition

Der Film beginnt mit der Ankündigung, eine wahre Geschichte zu sein. Im Abspann steht dann, alles sei frei erfunden. Der Film beginnt auch nicht mit dem typischen „Based on a true story“ sondern sagt explizit: „This is a true story…“. Die Coens sagten später, sie hätten diesen Anfang gewählt, um den Zuschauer zu manipulieren:

“If an audience believes that something’s based on a real event, it gives you permission to do things they might otherwise not accept.“

Joel Coen

Es folgt eine verschneite Straße. Ein Auto nähert sich durch das Schneetreiben. Ein Gefühl von Isolation und Verwirrung soll erzeugt werden. Dann folgt die Szene, in der Jerry und die beiden Entführer ihren Deal festzurren. Es kommt zu Streit, ob Jerry zu spät kommt und wann die beiden Ganster bezahlt werden sollen. So wird gleich klar gemacht, dass hier Amateure am Werk sind und alles schlecht geplant ist.

Die Charaktere

Im klassischen Hollywoodfilm kommen vier Charaktertypen vor:

  • Hero
  • Nemesis
  • Reflection
  • und Romance

Hero ist der Held oder Protagonist um den sich der Film dreht. Nemesis ist der Gegenspieler oder Antagonist. Die Romance ist (klassisch) die Frau, die es zu erobern gilt oder zu behalten: Die Damsel in Distress. Die Reflection ist:

“a reflection character is someone that “reflects” something about the protagonist and supports them in their quest.“

jodihenley

Jerry wird uns als Protagonist eingeführt, wir werden dazu manipuliert, mit ihm mitzufühlen, obwohl er seine Frau entführen lässt, indem wir gezeigt bekommen, wie er von seinem Schwiegervater runtergemacht wird. Als sein Schwiegervater zwischenzeitlich vorgibt, in Jerrys Investmentplan einzusteigen, versucht er die Entführung abzublasen, als der Schwiegervater dann Jerry auskaufen will, kehrt der zu seinem Plan zurück.

Marge, unsere tatsächliche Protagonistin wird uns dann erst nach einer halben Stunde eingeführt. Spannend ist auch, dass das die Geschlechter von Hero und Romance im Vergleich zum traditionellen Schema bei Fargo verstauscht sind. Obwohl Fargo den Bechdel-Test nicht besteht, ist interessant dass dasCharakterpaar Hero/Romance vertauscht ist. Marge ist die Heldin, ihr Mann hat die Rolle der Prinzessin.

Fargo – Go Far

Da nur die erste Szene in Fargo spielt, haben wir uns gefragt, warum der Film nach diesem Ort benannt ist. Paula stellt die Theorie vor, dass es sich beim Titel um einen Schüttelreim handelt: aus “Fargo” wird “Go Far”. Damit wird vorausgedeutet, dass Jerry und die Entführer in ihren Handlungen zu weit gehen.

So ist auch das zentrale Thema das Ausbrechen aus dem normalen Leben. Die Entführung wird in einem Nebenplott kontrastiert, in dem Marge auch die Chance hat, aus ihrem Alltag auszubrechen und eine Affäre zu beginnen. Sie entscheidet sich aber dagegen.

“So the point of the sub-plot – it is better to do the lawful thing, rather than be tempted to circumvent the law – reflects the point of the main plot, which is the same point exaggerated by the complete stupidity of the criminals and the magnitude and violence of their crimes.”

Fargo: An Analysis of the Coen Brothers Movie

Leitmotive

Als visuelle Leitmotive präsentiert uns Fargo Betten und Parkplätze. Die Parkplätze zeigen uns die Isoliertheit der Charaktäre, vor allem Jerrys. In den Betten hingegen wird wieder ein Kontrast aufgemacht. Diesmal zwischen der Gefühlslosigkeit der Entführer und der Intimität zwischen Marge und ihrem Mann. Marge und ihr Mann werden in ihrer gemeinsamen Screentime immer entweder im Bett gezeigt oder beim Essen.

Die Holzfällerstatue

Im Film taucht wiederholt eine große Holzfällerstatue auf. Es ist Paul Bunyan, ein Holzfäller von riesenhafter Größe und titanischer Kraft gewesen. Dies ist ein lokales Märchen aus Minnesota. Es handelt sich um eine epische Vorausdeutung auf das Ende des Films.

Dumme Akteure

Daniel fragte sich, warum er den Film mag, obwohl alle Akteure außer Marge dumm sind. Im Fragebogen hatte Daniel das noch als größten “Filmfehler” bezeichnet. Auch bei Blair Witch Project hatte sich Daniel aufgeregt, dass die Protagonisten dumm sind. Der Unterschied liegt darin, dass Blair will, dass wir mit den Protagonisten mitfiebern. Hingegen wollen wir die Akteure bei Fargo scheitern sehen und bekommen genau das gezeigt.

Zitate und Referenzen

Eine Directors Trademark der Coen Brothers sind Referenzen an Stanley Kubrick. Diese werden auch in Fargo vollzogen: Carl sagt in einer Szene zu einer Hure, er sei in der Stadt für “just a little of the ol’ in-and-out,”. Das ist eine Referenz an Clockwork Orange. Außerdem läuft einmal “These Boots are Made for Walkin” im Autoradio, der Song wird auch in Full Metal Jacket verwendet.

Die Rezeption von Fargo

Es gab/gibt zwei Fortsetzungen zu Fargo im Fernsehen:

Preise

  • Fargo erhielt den Preis für die beste Regie in Cannes 1996
  • Außerdem erhielt er den BAFTA Award für die beste Regie
  • Fargo bekam die Oscars für die beste Hauptdarstellerin (Frances McDormand) und das beste Originaldrehbuch
  • Außerdem erhielt Fargo den Screen Actors Guild Award für die Beste Hauptdarstellerin – Frances McDormand
  • Sowie den Chicago Film Critics Association Award für das beste Drehbuch

Bestenlisten

  • Fargo belegt Platz 84 in der ersten AFI-Liste der 100 besten amerikanischen Filme von 1998
  • Auf “AFI’s 100 Years…100 Laughs“ ist Fargo auf Platz 93
  • Auf “AFI’s 100 Years…100 Heroes & Villains” steht Marge auf Platz 33
  • Im Jahr 2006 wurde Fargo in das National Film Registry der USA aufgenommen
  • Filmjunkies.de wählte ihn in der Liste der 10 besten Winterfilme auf Platz 1

Zitate & Referenzen

Am häufigsten wird die Holzhäckslerszene von Fargo zitiert und Referenziert. Eine Auswahl von Filmen und Serien, die Fargo referenzierzen:

Lesenswert

 

3 Gedanken zu „SF19 – Fargo

  1. Rainer

    Ah, einer meiner Lieblings-Filme. Ich bin noch nicht ganz durch mit der Podcast-Folge, aber bis jetzt gefällt sie mir wirklich sehr gut.

    Lediglich bei dem Ende, habt ihr meiner Meinung nach ein (für mich) wichtiges Detail ausgelassen: bei dem Gespräch über die Briefmarke am Ende, ist Norm zunächst enttäuscht, dass es nur die 3 Cent und nicht nicht die 29 Cent Marke geworden ist, weil die 3 Cent Marke von wenigen Leuten benutzt wird. Marge wirft dann aber ein, dass die kleinen Marken immer dann benutzt werden, wenn die Post das Porto erhöht und die Leute ihre alten Marken noch aufbrauchen müssen.

    Dieses Gespräch so im direkten Kontrast zu den vorherigen Gewalt-Exzessen erzeugt bei mir immer ein Gefühl, dass es doch wirklich diese kleinen Momente sind, die glückliche Menschen von solchen Menschen unterscheidet, die mit nichts zufrieden sind (wie eben Jerry).

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    1. Daniel Beitragsautor

      Vielen Dank für den Hinweis! Ja, das passt sehr gut zur Gesamtmoral des Films.

      Ich finde außerdem, dass die Szene auch noch einmal schön zeigt, dass Marge der Hero ist und Norm die Romance, die der Unterstützung und der Bestätigung durch Marge bedarf.

      Antworten
  2. Pingback: SF19 – Fargo | Privatsprache

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